Anja Röhl

Verboten, verfolgt, vergessen – Filmrezension

Wie schnell eine ganze Widerstands-Epoche für die nachkommenden Generationen in die Vergessenheit versenkt werden kann, das kann man am Film „Verboten, verfolgt, vergessen“ von Daniel Burkholz gut studieren.

Er beschäftigt sich mit den postfaschistischen Kommunistenverfolgungen in der Adenauer-Republik. 200.000 „Geheimbündelei“-Verfahren gab es zwischen 1951 und 64, beginnend mit dem Mord an dem jungen Essener Demonstranten und Teilnehmer der Friedenskaravane-1951, Philipp Müller. Ein damaliger Freund berichtet auf einer heutigen Gedenkdemo von dem Tag, an dem man ihm in den Rücken schoss, als sie von berittener Polizei mit gezogenen Pistolen durch die Straßen gejagt wurden. Menschen, die Blumen an den Platz des staatlichen Mordes legen, werden gezeigt, ein Transparent zeigt uns sein Gesicht.

Eine Atmosphäre der Angst hat immer geherrscht

Mitten in dieser Zeit waren meine Eltern damals auch junge Leute, die etwas zu befürchten hatten, kein Wort war je von ihnen zu diesem Thema zu hören. Dass Gefängnisstrafe darauf stand, ein DDR-Kinderbuch zu besitzen, war mir nicht bekannt gemacht worden, als ich sie las. Eine Atmosphäre der Angst hat aber immer geherrscht. Keiner wollte damals den Krieg, nicht mal diejenigen, die Hitler verehrt hatten wie einen Gott: Meine Großmutter und meine Großtante. Sie fanden, dass zwei Weltkriege für ihr Leben ausreichten. Sie waren die ersten, die sagten, dass es wieder nur ums Geschäft ginge und davon nur die Großen etwas hätten, aber am Ende nicht mal die, wie man sehen konnte.

„Ohne mich“ – Spontaner Massenprotest der 22-iger-Jahrgänge

Die Jüngeren verlegten sich offenbar aufs Flugblätter schreiben, Zeitungen herausgeben und demonstrieren, wie hier gezeigt wird, ihnen reichte das Jammern nicht. Zeitzeugen berichten und zeigen Dokumente ihre harmlosen Tätigkeiten, die damals als staatsgefährdend galten. Als durchsickerte, dass Adenauer die 22-iger Jahrgänge der eben erst aus dem Krieg traumatisiert Wiedergekommenen einziehen wollte, hatte sich hieran ein spontaner Massenprotest der Zwischengeneration entzündet. Über Nacht gingen Millionen mit Pappschildern auf die Straße, auf die sie „Ohne mich!“ gepinselt hatten. In der Eingangsszene erzählt einer der damals Verfolgten heutigen Demonstranten davon. Auch die kommunistischen Jugendlichen waren von der Breite des Protestes gegen die Remilitarisierung überrascht worden. Keineswegs hatten sie es den Menschen eingeredet.

Wiederbewaffnung mit allen Mitteln

Die staatliche Verfolgungswelle war fürchterlich. Man sieht Bilder von Haussuchungen, Gerichtsverhandlungen, Polizei, die Häuser stürmt.

Man gab es aus als Kommunistenverfolgung, es traf auch diese, aber galt nur vordergründig den wenigen übriggebliebenen Kommunisten, die damals organisiert waren, wie der Zeitzeuge berichtet. Die Verfolgungen hätten nur ein Ziel verfolgt und schließlich leider auch erreicht, die so stark noch kriegsmüde,  auf über zwei Millionen angewachsene Remilitarisierungsbewegung zu zerschlagen. Die Wiederbewaffnung Deutschlands mit Atomwaffen musste mit allen Mitteln durchgesetzt werden. Atomwaffen töten Millionen Menschen in einer Minute, sie lassen sie verbrennen, verdampfen, verschmoren, die Überlebenden sind krank, sterben früh, ihr Erbgut ist geschädigt. Die Kriegsgegner von damals fanden dies ein Verbrechen, gegen das sie auf die Straße gingen, die postfaschistische Exekutive verteidigte dieses Programm mit Waffengewalt gegen Jugendliche, nur wenige Jahre nach dem größten Kriegsverbrechen , dass die Menschheit je gesehen hatte.

Staatliche Gewalt schuf ein Klima der Einschüchterung

Mit staatlichen Gewalttaten wie willkürlicher Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und der Unterstellung, alle seien Kommunisten und diese betrieben staatsverräterische Umtriebe, schaffte es die Exekutive dann,  ein Klima der Angst und Einschüchterung zu sähen, in dem schließlich die Massenbewegung resignierte. Ein Grund zur Verhaftung ergab sich damals sogar, wenn die jungen Leute sich für die Wiedervereinigung einsetzten, sie forderten freie Wahlen in ganz Deutschland, das war verboten. Staunen bei den heutigen Demoteilnehmern, als der zeitzeuge es erzählt.

Für das Absingen eines Friedensliedes 21 Monate

Für das Absingen eines Friedensliedes, das Abfassen eines Artikels in einer der (mittels eines neu erfundenen „Blitzgesetzes“) illegalisierten Jugend-Zeitungen, aber auch nur für die Organisation von Ferienfahrten, sind Mann und Frau Wils damals hinter Gitter gebracht worden, wie sie erzählen. Der Mann insgesamt  64 1/2 Monate im Gefängnis, davon 21 Monate nur für ein Lied, 18 Monate in strengster Isolation, Einzelhaft, Einzelhofgang, mit stündlicher Kontrolle der Zelle. Das Ehepaar Wils beschreibt ihr Leben unter diesen Bedingungen, beide saßen im Gefängnis, sie hatten zwei Kleinkinder, deren Leben gleich mit zerstört wurde. Ihr Mann holt die Gitarre, spielt das Lied vor, ein Friedenslied, „21 Monate“, sagt die Frau und zeigt, während der Mann noch spielt, mit dem Finger auf die Gitarre, „nur dafür“, eine starke Szene.

Aber Frau Wils, denken Sie doch an Ihre Kinder

Im Gefängnis setzte man die junge Frau unter Druck „auszupacken“, sie sollte Namen nennen, die Organisationsstrukturen verraten. „Aber Frau Wils“, hatte man ihr gesagt, „denken Sie doch an Ihre Kinder, sie brauchen uns doch bloß ein paar Namen sagen…“ so wollte man von ihr beständig Aussagen erpressen. Die Täter waren Kripobeamte (K 14), die offen zugaben, dass sie bei der NS-Partei gewesen waren und dass man nun endlich wieder aufräume mit dem Gesocks, das Hitler übrig gelassen habe. „Ich dachte an meine Kinder“, erzählt die Frau, „aber anders“  und sie schwieg.

Zeuge vom Hörensagen: Ein NS-Kommentar von 1942

Die auf Zeugenaussagen „vom Hörensagen“ basierenden Anklagen bestanden im Wesentlichen aus gemeinen Lügen und absurden Beschuldigungen. Man hatte sich dazu auf einen NS-Kommentar berufen, der diese „Zeugenschaft“ ermöglichte. Am Ende konnten die Staatsträger alles behaupten, was sie wollten, so Frau Wils. Ja, es sei eine schwere Zeit gewesen. Das hätte Spuren hinterlassen. Das hätte Biografien zerstört, Lebenspläne,  auch Persönlichkeiten seien damals zerstört worden, denn nicht jeder schaffte es den Druck auszuhalten. Die beiden alten Leute sehen nachdenklich aus, als sie das erzählen.

Der Kalte Krieg war nicht kalt

Der Film zeigt einen kleinen Ausschnitt davon, wie wenig „kalt“ der Kalte Krieg in Wahrheit war, wie sehr es sich dabei tatsächlich um einen Krieg gehandelt hatte, nämlich gegen die eigene Bevölkerung. Das Ziel erreichten diese Verfolgungen aber, die Massenbewegung der Millionen (Ohne mich) wurde zerschlagen. Bis 1964 kam es zu 10.000 rechtskräftige Urteilen mit mehrjährigen Gefängnisstrafen, wie im Film der über 30 Jahre lang ausgespitzelte Rechtsanwalt Gössner berichtet.

Verprügelt, gejagt, eingeschüchtert

Die Aufrüstung wurde durchs Parlament gepresst, die Mutigsten in die Gefängnisse geworfen, die noch immer nicht aufhören wollten, wurden auf den Straßen verprügelt, gejagt, eingeschüchtert, mit Berufsverboten und Verleumdungskampagnen überzogen. Es breitete sich Angst und Denunziantentum aus, und der Kommunismus, dessen blindwütige Verteufelung von Thomas Mann eben noch als größter Irrtum der Geschichte gebrandmarkt wurde, der war nun der Bevölkerung wieder als das personifizierte Böse in den Kopf eingeprügelt worden. Der Film zeichnet diese Entwicklung nach.

Remilitarisierung schuf erst die Phase des Postfaschismus

Es war übrigens genau zu der Zeit, dass überall alte Nazis rehabilitiert und vielfach wieder auf ihre Posten eingesetzt wurden. Zahllose hochrangige Naziführer bekamen sogar Entschädigungen für die ihnen angeblich seit 45 zu wenig ausbezahlten Bezüge, während Zwangsarbeiter und andere NS-Verfolgte bekanntlich bis heute leer ausgingen.  Etliche schon verurteilten Massenmörder wurden nach kürzester Haft aus den Gefängnissen entlassen. Gefährlich war die Adenauer´sche Doktrin  der Remilitarisierung für die Menschen. Sie schuf die Grundlage für eine strenge und repressive Phase des Postfaschismus in Deutschland, die eine positive Entwicklung in Richtung Demokratisierung noch lange Zeit verzögerte.

Solidarität kam dann aus dem Ausland

Die Reste dieser Bewegung gingen dann über in die ersten Vorzeichen der 68-iger Bewegung, eine Intellektuellenbewegung, die ihren Anfang an den Unis nahm.  Zwischendurch kam es dann im Verlaufe der Gefängnisaufenthalte zu ungeheuren Solidaritätsbekundungen, vor allem aus dem Ausland, wie die Zeitzeugen berichten. Deshalb konnte man diese 50-iger Jahre-Protestierer auch nicht über Jahrzehnte festsetzen. Frau Wils zeigt Briefe aus dem Ausland, einen ganzen Ordner hat sie davon. Auch eingeladen hat man sie und ihre Kinder, es gab viel Unterstützung, als bekannt wurde, dass in Deutschland schon wieder Kommunisten nach Nazi-Gesetzen verurteilt wurden.

Wunsch nach Frieden nicht ernst genommen

Der Film macht deutlich, dass die Remilitarisierungsbewegung eine echte große Volksbewegung gewesen ist und deshalb kaputt gemacht werden musste. Weit davon entfernt war man staatlicherseits davon, etwa den Volkswillen nach Frieden ernst zu nehmen. Im Gegenteil, man suchte präventiv vorzugehen. Rechtzeitig vor dem Beginn der 68-iger Bewegung, vor der Beteiligung der BRD am Vietnam-Eroberungskrieg, war die Bevölkerung wieder mal „gesäubert“ worden. Ein fast genialer Schachzug, der es im weiteren Verlauf des Kalten Krieges ermöglichen sollte, auch die nächsten Protestbewegungen ebenso zu zerstreuen, zu zerschlagen, zu zersetzen. Das scheint glücklicherweise nicht ganz gelungen zu sein.

Nicht vergessen ist die Botschaft des Films

Dass die 1951-iger Bewegung derart schnell vergessen wurde, ist ein Fehler, der wiedergutgemacht werden kann, der Film schafft hier Abhilfe und das ist gut so. Unbedingt ansehen, keine Sekunde langweilig. Notwendiges Wissen über den „Unrechtsstaat“ der Bonner Republik.

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