Anja Röhl

Verschickungsheime – Kinderkuren, Kindererholungsheime in den 50/60er Jahren

Verschickungen –

Aktuelles:

KONGRESS  „Verschickungskinder“

Öffentlicher Kongress zur Aufarbeitung des Elends der „Verschickungskinder“ in den 50/60/70/bis 80er Jahren auf den nordfriesischen Inseln und in ganz Deutschland

Wo:

Gebäude Alte Post, Stephanstraße 6, in 25980 Sylt/ OT Westerland

Wann:

Am 21./23.11.19 November 2019 (Tagungsprogramm wird noch bekannt gegeben, 21.11. ist Anreisetag)

Wir bedanken uns sehr bei der Gemeinde Westerland/Sylt! Sie hat uns einen Tagungsraum für 60 Personen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Das Bürgermeisteramt von Sylt möchte sich an der Aufarbeitung dieses Kapitel ihrer und unserer Geschichte aktiv beteiligen !

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Kurze inhaltliche Replik:

 

Kindererholung?

Ganz besonders Arbeiterkinder wurden in den 60er Jahren in der BRD zu Millionen in Kinderkuren gegeben, oft als  „Kassenverschickungen“ indem ein Arzt das Attest ausschrieb. Die Krankenkassen bezahlten den „Erholungsaufenthalt“ .  Jedoch viele dieser Kinder kamen schwer traumatisiert zurück.

Die Landerholungs- und Kurkinderheime lagen abseits der Metropolen, vielfach in Wald- und Küstengebieten, dort waren auch schon unter den Nazis Landerholungsstätten (oft paramilitärische Drillanstalten) gewesen und dienten während des Krieges zur Evakuierung / Landverschickung.  Später dienten sie noch eine Zeit lang der Versorgung und Unterbringung von den 2 Millionen Kriegswaisen.

Nach 1945 wurden manche dieser Kindererholungsheime /Landverschickungsheime  von den Kassen übernommen, andere von den Kirchen, andere von privat. Ende der 50er Jahre muss es zu Werbekampagnen der Krankenkassen gekommen sein, die an die Hausärzte in den Arbeiter- und kleinen Angestelltengebieten herantraten, doch unbedingt möglichst viele Kinder zu schicken. Es kam dann ab den 60er Jahren zu einem Boom von Verschickungen. Bronchitis, zu dünn, zu blass, es reichten Kleinigkeiten aus, dass den Eltern geraten wurde, ihre Kinder zu schicken.

Krankenkassen rieten auch die Kindern aufzunehmen, deren Familien sich keinen Sommerurlaub mit ihren Kindern und frische Seeluft leisten konnten.

Die „Verschickungsheime“, wie sie dann genannt wurden, waren Häuser, in die Kinder ab dem 3./4. Lebensjahr allein „geschickt“ wurden, was man sich so vorstellen muss, dass sie allein für 6-8 Wochen fremden „Tanten“ ohne jede Eingewöhnung überlassen wurden, die oft mit 30-50 Kindern allein gelassen wurden und mittels Drohungen, schlechtem Essen, Isolationsstrafen, Demütigungen, Essen als Strafe, (brutale Einfütterung), Schlafstrafen oder -entzug, Ans-Bett-Fesseln, in den Waschraum sperren, Trennung von Geschwistern, Mund und Augen zukleben und vielem mehr „diszipliniert“ wurden.

Der Erholungswert dieser Kuren ist anzuzweifeln, es ist eher von massiver Traumatisierung auszugehen.  Die Kuren lagen grundsätzlich nicht in den Ferien, sondern wurden über das ganze Jahr verteilt, womit die Auslastung der Heime gleichmäßig erfolgte.

Der dadurch hervorgerufene Schulausfall wurde meist nicht ausgeglichen. Viele verloren damit schulisch den Anschluss oder mussten ein Jahr dranhängen oder ausfallen lassen. Oft wurden die Kinder aber vor dem Schuleintritt in diese Heime gegeben. Die jüngsten waren 2 Jahre alt, sie reisten meist mit älteren Geschwistern, von denen sie aber sofort bei Eintritt des Heimes getrennt wurden. (Geschwister wurden meistens getrennt). Ab 4 Jahre reisten die Kinder allein.

Wer ist Betroffene oder Betroffener und interessiert sich für die Aufarbeitung der Situation in den sogenannten „Kur- und Kassenverschickungsheimen“,

Diese Opfer haben bisher keine öffentliche Stimme, das soll nun anders werden, deshalb der Kongress, zu dem auch pädagogische Referenten eingeladen sind.

Wer will kann sich an den Vorbereitungen beteiligen. Ein Vorbereitungstreffen wird im Sommer in Berlin stattfinden. Bitte per mail dazu Interesse bekunden!

Wer will kann mir schreiben, wer will, kann besucht werden und mehr erzählen, meldet Euch mit euren Erlebnistexten oder zur Verabredung eines Interviews unter der Telefonnummer: 03361-3571776, unter der Postanschrift: A.Röhl, Uferstraße 92, 15517 Fürstenwalde/Spree.

Zum Einlesen: http://www.anjaroehl.de/wyk-auf-fohr-%E2%80%93-verschickung

Aktueller Artikel zum Thema:

https://www.tagesspiegel.de/politik/kindesmissbrauch-in-der-nachkriegszeit-ferienverschickung-vor-allem-tat-meist-das-heim-weh/22779554.html

Tipps für die eigene Recherche:

Projektstelle Archivrecherchen und historische Aufarbeitung der Heimerziehung 1949-1975

https://www.landesarchiv-bw.de/web/61032

Projektstelle Archivrecherchen und historische Aufarbeitung der Heimerziehung 1949-1975

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. II: Fachprogramme und Bildungsarbeit, Eugenstr.7, 70182 Stuttgart, Tel.: 0711 212 4272

HEIMVERZEICHNIS:

https://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/62617/Heimverzeichnis.pdf

Ehemalige Heimkinder können sich wenden an:

  1. A) Nora Wohlfarth M.A.

Projektbearbeiterin, Landesarchiv Baden-Württemberg, Olgastr.80, 70182 Stuttgart, Telefon: 0711/212- 4241

E-Mail:  nora.wohlfarth@la-bw.de

Ansprechpartner für:  „Heimerziehung zwischen 1949 und 1975 in Baden-Württemberg“

  1. B) Nastasja Pilz M.A.

Fax: 0711/212-4283

E-Mail:  nastasja.pilz@la-bw.de

Stellv. Ansprechpartnerin für:

„Heimerziehung zwischen 1949 und 1975 in Baden-Württemberg“

Homepage Landesarchiv Baden Württemberg: www.la-bw.de

Heimverzeichnis Baden-Württemberg

https://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/62617/Heimverzeichnis.pdf

Homepage Landesarchiv Baden Württemberg: www.la-bw.de

Anlauf– und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder (ABH). Zusätzlich hat das Sozialministerium Baden–Württemberg zusammen mit dem Landesarchiv Baden–Württemberg ab 1. Mai 2012 eine Stelle zu „Archivrecherchen und historischer Aufarbeitung der Heimerziehung. Aufarbeitung der Heimerziehung nach 1949.

Weiteres:

Die Wanderausstellung „Verwahrlost und gefährdet? in Baden-Württemberg 1949–1975“ ist seit Sommer 2015 an verschiedenen Stationen im Land zu sehen. Alle bisherigen und kommenden Stationen, den aktuellen Standort und das Begleitprogramm sind hier aufgeführt, ebenso auch alle Informationen zu der begleitend erschienen Publikation.

Kommentare

Es gibt 116 Kommentare für "Verschickungsheime – Kinderkuren, Kindererholungsheime in den 50/60er Jahren"

  • Gudrun Dietrich sagt:

    Ich hätte eine Frage an Christine Gäbel, die einen Kommentar am 12. September 18 hinterlassen hat. Bis dato ist es mir nicht gelungen, jemanden zu finden, der/die auch in den 60 er Jahren zur Kinderkur explizit auf Langeoog war. Meine Mutter konnte sich nur daran erinnern, dass die Verschickung über die Ev. Kirche gelaufen ist. Fragmentarische Erinnerungen an diesen Aufenthalt sind schlimm. Nur ein Beispiel: als ich im Kurheim ankam und 2 „Tanten“ meinen Koffer öffneten, die schöne Kleidung sahen, die meine diesbezüglich begabte Mutter selbst genäht hatte, war mein Schicksal besiegelt. Schikanieren und sanktionieren waren an der Tagesordung. Meine Frage an Christine ist die nach dem Namen des Heims.
    Gudrun Dietrich

  • Martin sagt:

    Servus,

    ich wa in den 80ern insgesamt viermal auf Verschickung (Posterholungsheim). Ich war auf Langeoog, in St. Peter Ording (das war echt kacke) in Niendorf und in Baiersbronn. Nur vom Quisisana in St. Peter Ording hab ich noch schlechte Erinnerungen. An den Doktorbesuch kann ich mich noch erinnern und an das schlechte Essen und dass das allgemein eine etwas sehr abgefuckte Bude war. An den Schlafsaal kann ich mich noch erinnern.

    Aber gut dass ich vieles vergessen hab.

  • Serena sagt:

    Ich war im August/September 1973 als fünfjährige nach Berchtesgaden verschickt worden. Nach den Briefen muss es in Schönau gewesen sein. Ich habe schwere Traumafolgestörungen diagnostiziert die mein Leben bis heute beeinträchtigen.
    Ich habe viele Erinnerungen, die ich hier nicht preisgeben möchte, weil das evtl andere zu sehr triggert.
    Aber ich erinnere mich an den Baukörper des Hauses, an den Metallpilz im Garten an dem man sich dranhängen und drehen konnte. Und an die Lage des Hauses in der Landschaft, also wo eine Straße war, wo es Bäume gab, wo man Berge sehen konnte, in welcher Richtung vom Haus es bergauf oder Bergab ging…Es gab eine Art „sportgeräteraum“ in einer Barracke auf dem Grundstück wo ich mich oft versteckt habe. Man durfte (aus gutem Grund) nachts nicht auf die Toilette, was mir zum Verhängnis wurde.
    Ich versuche seit vielen Jahren herauszubekommen wo genau (örtlich) ich war, schon weil es mir therapeutisch gut tun würde den Ort nochmal aufzusuchen. Wenn jemand etwas weiß welches Heim das gewesen sein könnte? Ich habe noch Fotos vom Schlafsaal und auch von Wanderungen in der Gegend. Und Briefe. Vor allem einen einer von der Pflegerin, die dort arbeitete. Ich glaube mich an sowas wie eine Schwesterntracht zu erinnern. Ich wäre dankbar, andere Betroffene zum Austausch zu finden, oder jemand der den Ort kennt und Willens wäre bei Nachforschungen zu helfen. Es war grausam.

  • anja sagt:

    Liebe Serena
    Die über 100 Berichte hier werden von mir gesammelt mit dem Ziel, sie der allgemeinen Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, und dem Verschickungsthema im Heimkinderdrama einen gebührenden Platz einzuräumen, da dieses Thema noch kaum bis gar nicht im öffentlichen Diskurs ist. Davon sind viele Hunderttausende betroffen, denn es gab weit über 1000 Kinderkurheime in Deutschland. Wenn Du Angst hast, deine Erlebnisse hier ausführlich zu schildern, dann schicke sie mir doch per mail, wenn du magst (mailadresse auf dieser Webseite unter Impressum). Ich bin der Meinung, wenn man sich zusammenschließt um eine Öffentlichkeit zu diesem Thema zu alarmieren, dann muss die Wahrheit schonungslos ans Licht. Ich halte sehr viel davon, seine Leidenserfahrungen genau zu erinnern, um dann vielleicht Ursachenanalyse zu betreiben und daraus folgend sich klar zu machen, man war nicht daran schuld! Durch das Zusammentragen vieler solcher Erfahrungen erfährt der Einzelne Trost, denn auch das bestärkt ihn in dem Gefühl: Ich war nicht dran schuld! Das hat man mir angetan, wie auch Tausenden anderer Kinder, aus Gründen, die außerhalb meiner Person lagen und ich tue mich mit den vielen zusammen, die das auch erlebt haben, um es bekannt zu machen. Damit erforscht werden kann, welche psychohistorischen Ursachen das Ganze hatte, um es in Zukunft für immer zu vermeiden. So das große Ziel. Ich bemühe mich zZ darum im Sommer 2019 einen Kongress zu diesem Thema auf die Beine zu stellen, der Ort ist noch nicht bekannt. Alle, die hier kommentieren, werden von mir angeschrieben, liebe Grüße, Anja

  • Corina Dietz sagt:

    Ich bin sehr interessiert an Erfahrungsberichten zu einem Erholungsheim im Schwarzwald/Freudenstadt. Ich weiß nicht wie dieses Heim hieß. Die Verschickung war im Februar 1969 und wurde von den Stahlwerken Südwestfalen für deren angehörige Kinder zu günstigen Konditionen angeboten. Ich habe nur vage Erinnerungen. Ich weiß nur aus Erzählungen meiner Mutter, dass ich verändert und ängstlich wiederkam, davor ein fröhliches und ausgeglichenes Kind.Ich wurde gerade vier Jahre alt und wurde zusammen mit meiner Schwester (5 1/2) für 6 Wochen dorthin verschickt. Ich leide Zeit meines Lebens unter Panikzuständen und versuche im Moment nach Ursachen zu forschen. In Therapien war dieses Heim immer ein Thema und ich denke, dass ich es verleugne, dass es irgendwas damit zu tun hat, bis ich zufällig auf diese Seite gestoßen bin.

  • Susanne K. sagt:

    Hallo! Ich interessiere mich auch für das Thema Kindererholungsheim. War 1971/72 für 6 Wochen in Stetten am kalten Markt. Damals 5 Jahre alt. Erinnerungen habe ich so gut wie keine mehr. Meine Eltern haben wohl geahnt, dass die Entscheidung mich in „Kur“ zu schicken nicht sehr gut ist, sie wurden aber von der Hausärztin und dem Gesundheitsamt unter Druck gesetzt. Das Kind ist zu dünn…! Allein die Tatsache ein Kind in diesem Alter für einen solchen Zeitraum aus einer sehr behüteten Situation wegzugeben, lässt mir heute die Haare zu Berge stehen. Habe auch mit Angststörungen und Depression zu tun. Den Text von Heike Maurer habe ich gelesen und bin natürlich beunruhigt…

  • Susanne K. sagt:

    @Heike Maurer: Sie können mich gerne persönlich anschreiben. (Kontakt über Frau Röhl)

  • Anonym sagt:

    @serena, @anja
    Ich erinnere mich, dass ich auch in Schönau war im Jahr 63 oder 64. Es waren 6 grausame Wochen, die mir Traumata beschert haben. Abstruseste Erinnerungen, bis auf ein Foto wo ich als 5 jähriger auf einem Pony sitze, weiß ich nicht mehr viel. Die Eltern sind längst verstorben. Insofern interessant, dass es auch anderen so ergangen war, die offensichtlich auch lebenslange Folgen davongetragen haben. Und – die Idee einen Kongress zu veranstalten zu dem Thema klingt interessant. Ob das ein Zielpublikum findet muss sich zeigen.
    Herzliche Grüße
    Anonymous

  • Durch Zufall bin ich auf diese Seite gestoßen, als ich über das Kinderheim Gutermann in Oberstdorf im Allgäu recherchiert habe, in dem ich im Januar/Februar 1957 für 6 Wochen zu einer Kinderkur war. Damals war ich 6 Jahre alt und wurde mit einem „Kindertransport“ dorthin „verschickt“ Ein halbes Jahr zuvor in 1956 hatte ich sechs Wochen nach meiner Einschulung einen Unfall auf dem Schulhof, bei dem ich mit einem Jungen der achten Klasse beim Spielen zusammengestoßen und auf Rücken und Hinterkopf gefallen bin. Ich hatte eine schwere Gehirnerschütterung und war über eine Stunde bewusstlos. Der Krankenhausaufenthalt, der auf den Unfall folgte, hat ebenfalls seine Spuren hinterlassen, die aber nicht vergleichbar sind mit denen aus der Kinderkur. Die behandelnde Kinderärztin war damals der Meinung, dass ich vor meiner erneuten Einschulung in 1957 (ich war nach dem Unfall für ein Jahr vom Unterricht zurückgestellt worden) unbedingt eine Erholungskur machen sollte. Das Kinderheim Gutermann war meinem Vater von der DAK als ein sehr gutes Haus empfohlen worden. Ich weiß noch genau, dass ich mich auf eine Zeit gefreut habe, mit anderen Kindern zusammen zu spielen und Schlitten zu fahren. Meine Mutter kaufte mir schöne neue Sachen zum Anziehen Es gab eine Liste, was alles mitgebracht werden sollte. In alle Kleidungsstücke wurden Schilder mit meinem Namen eingenäht.
    An alles was danach kam, sind meine Erinnerungen nur noch sehr lückenhaft. Ich erinnere mich an einen Speisesaal, in dem eine bedrückende, angstvolle Atmosphäre herrschte. Morgens gab einen Teller Haferschleim ohne Zucker, voll bis zum äußersten Rand, und anschließend noch ein unverhältnismäßig dickes Brot mit Marmelade. Man musste sitzenbleiben bis alles aufgegessen war. Die zugeteilte Menge war viel zu viel für einen kleinen Kindermagen und man musste über das „Sattsein“ hinaus weiteressen. Einmal hat ein Junge am Tisch erbrochen. Er bekam dann das gleiche Essen nochmal vorgesetzt und musste es aufessen. Der Kurerfolg wurde damals an der Gewichtszunahme gemessen.
    Ich wurde nach ein paar Tagen krank und bekam Windpocken. Man war ärgerlich auf mich und ließ mich das spüren, weil ich aufgrund der Ansteckungszeit „die von zu Hause mitgebracht haben musste“. Ich fühlte mich schuldig. Weil ich ansteckend war, brachte man mich in einer Dachkammer unter zusammen mit einem anderen Mädchen, was Masern hatte. Als meine Windpocken vorüber waren, bekam ich dann anschließend die Masern und das andere Mädchen die Windpocken. Ich habe von den sechs Wochen Kinderkur vier Wochen in der Dachkammer im Bett liegend verbracht ohne Kontakt zu den anderen. Wie ich diese Zeit überstanden habe, weiß ich bis heute nicht. Ich habe auch absolut keine Erinnerung daran, was ich die ganze Zeit über gemacht habe. Das einzige an das ich mich erinnere ist, wo mein Bett in dieser Dachkammer stand und wo das Fenster war, aus dem ich den anderen Kindern beim Schlittenfahren vor dem Haus zuschauen konnte. Einigen von ihnen hatte man meine neuen Kleider, die ich noch nie angehabt hatte, angezogen, weil sie nicht so viel mitgebracht hatten und ich die Kleider ja nicht brauchte, weil ich ja im Bett liegen musste. Das war die Erklärung. Meinen Eltern hatte man zwar gesagt, dass ich krank sei und im Bett liege, aber dass es mir gut gehe. Meine Mutter schickte daraufhin ein Paket an mich mit Süßigkeiten und meiner Lieblingspuppe. Dieses Paket habe ich nie bekommen. Meine Puppe haben sie mir auch nicht gegeben, die habe ich im Spielzimmer gefunden, als ich wieder aufstehen durfte. Da hatten inzwischen andere Kinder mit gespielt.
    Ich erinnere mich auch noch daran, dass man uns bei der Ankunft im Kinderheim mitgeteilt hatte, dass wenn jemand ganz großes Heimweh bekäme, er sich melden könne und dann nach Hause dürfe. Ich bin in dieser Zeit vor Heimweh fast umgekommen und als ich es nicht mehr aushalten konnte, habe ich es gesagt in der Hoffnung dann wie versprochen nach Hause zu dürfen. Aber da wollte man von diesem Versprechen nichts mehr wissen. Damals habe ich das Vertrauen in die Zusagen von anderen Menschen gänzlich verloren.
    Ein Satz von damals hat sich bei mir bis heute besonders eingebrannt. Wir wurden regelmäßig gewogen und da ich aufgrund meiner langen Krankheit trotz des vielen Essens in der ganzen Zeit nur ein Pfund zugenommen hatte, bekam ich gesagt, dass wenn ich nicht mehr zunehmen würde, ich nie mehr nach Hause dürfe. Mit schnürt sich heute noch der Hals zu, wenn ich an diesen Satz denke. Ich glaube ich hatte damals die Hoffnung aufgegeben, mein Zuhause jemals wiederzusehen.
    Ich bin wieder nach Hause gekommen, allerdings als ein anderer Mensch. Meine Eltern waren entsetzt, welches Kind da aus dem Zug stieg. Zu den Krankheiten, von denen sie bereits wussten, hatte ich noch drei verbundene Finger, die sich, wodurch auch immer, entzündet hatten.
    Meine Eltern waren ebenfalls entsetzt als sie die dicken Brotscheiben sahen, die man uns als Proviant für die nächtliche Zugrückfahrt mitgegeben hatte und konnten kaum glauben, dass wir diese immer essen mussten. Ich weiß auch, dass mein Vater sich bei der DAK nach meiner Rückkehr über dieses Heim beschwert hat.
    Die Folgen dieser 6-wöchigen Kinderkur haben mich ein Leben lang begleitet und mein Leben sehr eingeschränkt.
    Ich bin inzwischen selbst Traumatherapeutin mit einer eigenen Praxis und habe viel über Trauma gelernt und geforscht, um den Ungereimtheiten meines Lebens auf die Spur zu kommen und ich weiß inzwischen, dass vieles davon seinen Ursprung in den damaligen Erlebnissen hat.
    Durch einen erneuten Sturz auf den Rücken vor einigen Wochen sind die Erinnerungen an damals reaktiviert worden und ich erlebe gerade selbst an mir, dass Trauma im Körper gespeichert ist mit allen dazugehörigen Emotionen. Ich habe nicht im Entferntesten geahnt, welche Ladung durch die damaligen Erlebnisse da in mir gespeichert ist. Kolleginnen und Kollegen, begleiten mich liebevoll mit körperorientierter Traumatherapie durch den Verarbeitungsprozess, damit die Ereignisse von damals endlich ihren Schrecken verlieren können. Im Sommer werde ich eine Woche Urlaub in dem Haus machen, in dem ich vor 61 Jahren die schlimmsten Wochen meines Lebens verbracht habe und das inzwischen zu einem Landhaus mit wunderschönen Ferienwohnungen umgebaut ist. Mein Mann begleitet mich und wir haben eine Wohnung unterm Dach angemietet, die beworben wird mit dem Zusatz „eintauchen in alte Zeiten“ – wie wahr! Es ist mir wichtig, neue Erfahrungen an diesem Ort und speziell in diesem Gebäude zu machen, um die Vergangenheit von der Gegenwart zu trennen und Vergangenes endlich hinter mir lassen zu können, damit es mein Leben hier und heute nicht länger beeinflusst.
    Ich habe gelesen, dass für 2019 ein Kongress geplant ist, an dem ich gerne teilnehmen würde, wenn gewünscht gerne auch aktiv mit einem Beitrag über die Möglichkeiten der Traumaverarbeitung von Schock-, Entwicklungs- und Beziehunsgstrauma, wo ich sowohl aus der Theorie als auch aus meiner eigenen Erfahrung berichten kann. Gibt es für den Kongress schon einen Termin?

  • vera frankenberger sagt:

    liebe anja,
    das haus was serena sucht ist wahrscheinlich kinderheim carola in schönau am hanottenweg am elisen weiher.ich war etwas später dort april 1975 6wochen . denke kann ihre traumatischen erfahrungen teilen auch ich musste einiges erleben…bin aber nochmal nach schönau gereist um aufzuarbeiten.leider steht das haus nicht mehr nur noch die alten spielgeräte konnte ich noch finden.gerne würde ich ihr helfen habe alte postkarten vom haus.lg vera frankenberger

  • anja sagt:

    Eine Wahnsinnsgeschichte! Man muss weinen, wenn man Ihren Bericht liest! Unser Kongress wird wahrscheinlich am 22./23.11. auf Sylt stattfinden, die Verhandlungen dazu laufen noch, alle, die hier Kommentieren, bekommen in den nächsten Tagen Bescheid. Sylt ist in die nähere Wahl gekommen als Nordseeinsel (viele der Betroffenen waren auf Nordseeinseln), und als ein öffentlichkeitswirksamer Ort, denn Ziel ist es, einmal durch das Zusammentreffen vieler Betroffener aus dem Gefühl herauszukommen, man war allein mit dem Problem, daher einen kleinen Ansatz von Heilung zu erfahren, gern mit weiteren Tipps, zum anderen die öffentliche Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken und für die Zukunft zu fordern, dass man nie wieder solche Erziehungspraktiken zulassen darf! Es wird also einen Erfahrungsaustauschs-Part und einen Mini-Referententeil (2-3) geben. Zur Vorbereitung des Kongresses werde ich gesondert Interessierte im Sommer zu einer nicht öffentlichen Sitzung einladen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Anja Röhl

  • Hallo zusammen, ich war in den 70zigern mit meiner Schwester in der Kinderheilanstalt in Bad Dürrheim. Ich kann mich heute noch an das lied erinnern das wir sangen, auch an den aller ersten Tag wo wir da ankamen, es gab einen ekelhaften Müsli Brei, ich konnte den nicht Essen und bekam somit den ganzen Tag nichts mehrzu Essen, ich wollte sofort Heim! Auch durften wir nur Postkarten schreiben und die wurden noch diktiert wie gut es einem gehen würde! Auch war das Fieber messen, das noch rektal durch geführt würde immer sehr brutal vollzogen! Das Baden war auch sehr schlimm, wenn man nicht wollte, kam ein Holzdeckel auf die Wanne wo nur der Kopf rausschaut! Meiner Schwester erging es sehr schlecht, sie nässte ein und somit bekam sie selten bis nicht’s zu essen was das einnässen nicht verbesserte. Pder sie musste kalt Baden. Viele Dinge waren grausam ! Wer nicht gehorchte wurde bestraft! Ich selbst musste 2 Nächte in der Küche verbringen durfte nicht in mein Bett. Ich musste 2 mal dieses Heim besuchen 8 Wochen am Stück, meine Schwester nur einmal, sie kam mit 35 kilo nach Hause!! Ich denke das dieses Heim auch in der Hitlerzeit genutzt wurde um schändliches zu tun, ich denke meine Mutter wusste nicht wie grausam es war.
    Danke fürs lesen! Ich bin heute 52

  • Johanna Wessels sagt:

    Ich war 1960 oder 1961 in Bad Soden Allendorf in der Verschickung. Ich habe bis heute noch schlimme Erinnerungen an die Zeit. Meine Mutter hat es nicht interessiert und dann meinen jüngeren Bruder dort hingeschickt. Der kam traumatisiert zurück . Was dort passiert ist war Kindesmisshandlung und Psychoterror an Kindern.

  • Eva sagt:

    Suche Personen, die in den 60er Jahren auf Föhr waren. Ich kam aus dem Saarland.

  • Tanja Hölscher sagt:

    Hallo zusammen,
    nachdem meine Mutter 1981 einen Postbeamten geheiratet hat, kamen meine Schwester ( geb.1970) und ich ( geb.1972) in den Genuss über die Post „verschickt“ zu werden. Das erste Mal, ich war Carl.8 Jahre alt, waren wir in Bad Sooden. Dort wurden wir von Nonnen betreut. Wir waren im Grunde alle wegen Untergewicht dort, außer ein Mädchen, die war zu dick. Wir wurden regelrecht gemästet, und sie durfte nur das hauseigene Heilwasser trinken. Dort mussten wir auch immer Solbäder nehmen, was ich nicht sehr angenehm fand. Aber sonst kann ich sagen, dass es keine schlechte Zeit war. Unsere Eltern kamen uns sogar einmal besuchen und wir waren auch “ nur“ vier Wochen dort. Aber die Zugfahrt, die man alleine antreten musste, fand ich auch nicht angenehm.
    Die zweite Kur war schon eine ganz andere Nummer…. Wir waren in Maquardstein, das ist im tiefsten Bayern ( wir kommen aus Lübeck, Schleswig-Holstein), eingeschlossen von riesigen Bergen. Die Heimleitung und die Erzieher waren wirklich gruselig und sehr herrisch. Ich kann mich noch erinnern, dass wir zuerst ein wirklich schönes Zimmer hatten. Dann bin ich krank geworden, eine schlimme Grippe und mit dem Wissen von heute muss es eine Nebenhölenvereiterung gewesen sein. Als ich morgens aufwachte, war mein ganzes Bett und meine geliebten Kuscheltiere voll mit blutigem Eiter. In der Nacht muss es aufgegangen sein und lief schön die ganze Nacht in mein Bett. Wir haben dann natürlich gleich Bescheid gesagt, aber frische Bettwäsche wurde mir verweigert, weil es noch nicht Zeit zum wechseln war. Dann, ich weiß nicht mehr warum, müssten wir das Zimmer wechseln. Wir kamen dann in eine Dachkammer, die wir mit einem Mädchen teilen mussten, die immer ihre Finger-und Fußnägel aß und ins Bett machte ( beide Geschäfte). Diese vier Wochen zogen sich wie Kaugummi.
    Dann war meine Schwester 12 Jahre alt, und durfte nicht mehr mit. Ich fuhr dann nach Münsingen, was mir wirklich sehr gut gefallen hat. Ich kann mich noch erinnern, dass dort ein Mädchen war dass von ihrem Vater missbraucht wurde. Damit konnten wir Kleinen nicht viel anfangen. Aber ich fand es gut, dass man, trotzdem sie schon 15 Jahre alt war, sie dort aufgenommen hat.
    Dann, als ich gerade 12 Jahre alt war, verstarb meine Mutter an Krebs. Es war eine sehr schwere Zeit für uns. Ich durfte ausnahmsweise dann auch in diesem Jahr noch an einer Kur teilnehmen. Ich bin nochmal nach Münsingen gefahren. Dort gab es etwas außerhalb einen kleinen Hof mit ein paar Tieren und wir hatten dort viele Freiheiten.
    Wenn ich jetzt speziell an das Essen denke, muss ich ehrlich sagen, dass es überall nicht die Wucht in Tüten war. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass es uns förmlich reingeprügelt wurde. Da waren die in den 80ern schon sichtbar weiter. Auch die Zeit war zum Glück kürzer, aber auch vier Wochen können lang sein.
    Im Großen und Ganzen habe ich wohl mit meinen Einrichtungen Glück gehabt. Aber trotzdem hätte ich meinen Kindern das niemals angetan.
    Bei mir steht jetzt gerade eine Reha an und ich dachte so über meine Kuren als Kind nach. Dann kam ich auf diese Seite. Aber ich arbeite gerade meine familiäre Vergangenheit auf und kann alle sehr gut verstehen die durch so etwas traumatisiert sind. Kann man sagen: sie wussten es nicht besser??? Ich glaube nicht…
    Ich drücke allen die Daumen dass es besser wird
    Liebe Grüße

  • Uta sagt:

    Schon länger habe ich nach Informationen zu Kindererholungsheimen gesucht und bin heute auf Ihrer Seite angelangt.

    Erinnerungen habe ich nur wenige an meinen Aufenthalt (vermutlich 1958); dazu gehört zuerst der Abschied an der Bahn von Mutter und Großmutter – allerdings sehe ich uns nur von außen und ohne die Gefühle von Abschiedsschmerz und Angst.
    Dann sehe ich einen großen Schlafsaal mit Metallrohrbetten, die in Reih und Glied nebeneinander stehen.
    Bedrückend ist die Erinnerung an den Speiseraum, an eine Milchsuppe in Schalen, auf deren Grund eine Dörrpflaume lag. Wie von vielen hier berichtet, musste alles aufgegessen werden; nicht allen war das möglich. Einige erbrachen sich. Es gab einen Katzentisch, an den diese Kinder gesetzt und zum Essen gezwungen wurden.
    Ich erinnere mich, ganz deutlich und hierbei mit gutem Gefühl, an eine Wiese, durch die ein schmales Bächlein floss, mit blühenden Schlüsselblumen.
    Da ich noch nicht schreiben konnte, sehe ich eine „Tante“ vor mir, die eine Karte beschriftete, aber nicht so schreiben mochte, wie ich es vorgab.
    Und schließlich erinnere ich mich nach der Rückkehr an das Entsetzen meiner Mutter, als sie mich empfing. Ich war ungepflegt, hatte raue Handrücken, die über den Knöcheln borkig und aufgerissen waren.

    Ganz tief und fest hat sich der Name des Ortes in meine Erinnerung eingegraben, Bühl Baden, Kappelwindeck. Wie die Einrichtung hieß, weiß ich nicht.

    Vielleicht gibt es jemanden, der auch an diesem Ort war, das Heim kennt und Erinnerungen teilen kann!

    Ihnen, Frau Röhl, danke ich für die Aufmerksamkeit, die Sie diesem dunklen Kapitel von Kindheit zukommen lassen.

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