Anja Röhl

Verschickungsheime – Kinderkuren, Kindererholungsheime in den 50/60er Jahren

Verschickungen –

Kindererholung oder Arbeitsplatzsicherung für ehemalige NS-Landerziehungsstätten?

Ganz besonders Arbeiterkinder wurden in den 60er Jahren in der BRD zu Millionen in Kinderkuren gegeben, oft als  „Kassenverschickungen“ indem ein Arzt das Attest ausschrieb, es soll ein lukrativer Wirtschaftszweig gewesen sein. Die Krankenkasse bezahlte den „Erholungsaufenthalt“ . Viele dieser Kinder kamen schwer traumatisiert zurück.

Die Landerziehungsheime lagen abseits der Metropolen, vielfach in Wald- und Küstengebieten, sie waren unter den Nazis als paramilitärische Drillanstalten ausgebaut und eingerichtet worden, während des Krieges zur Evakuierung / Landverschickung genutzt worden und später noch eine Zeit lang für die 2 Millionen Kriegswaisen genutzt. Ab Ende der 50er Jahre scheint sich dann ein Mangel an Kindern eingestellt zu haben, so das es zu Werbekampagnen der Krankenkassen kam und diese an die Hausärzte in den Arbeiter- und kleinen Angestelltengebieten herantraten, doch von Krankheit bedrohte Kinder zu schicken.

kirchliche oder private Wohlfahrtsorganisationen übernahmen die Heime, die dann Kindern aufnahmen, deren Familien sich keinen Sommerurlaub mit ihren Kindern und frische Seeluft leisten konnten.

Die Verschickungsheime waren Häuser, in die Kinder ab dem 3./4. Lebensjahr allein „geschickt“ wurden, was man sich so vorstellen muss, dass sie allein für 6-8 Wochen fremden „Tanten“ ohne jede Eingewöhnung überlassen wurden, die oft mit 30-50 Kindern allein gelassen wurden und mittels Drohungen, schlechtem Essen, Isolationsstrafen, Demütigungen, Essen als Strafe, (brutale Einfütterung), Schlafstrafen oder -entzug, Ans-Bett-Fesseln, in den Waschraum sperren, Trennung von Geschwistern, Mund und Augen zukleben und vielem mehr „diszipliniert“ wurden.

Der Erholungswert dieser Kuren ist anzuzweifeln, es ist eher von massiver Traumatisierung auszugehen.  Die Kuren lagen grundsätzlich nicht in den Ferien, sondern wurden über das ganze Jahr verteilt, womit die Auslastung der Heime gleichmäßig erfolgte.

Der dadurch hervorgerufene Schulausfall wurde nicht ausgeglichen. Viele verloren damit schulisch den Anschluss oder mussten ein Jahr dranhängen oder ausfallen lassen.

Wer ist Betroffene oder Betroffener und interessiert sich für die Aufarbeitung der Situation in den sogenannten „Kur- und Kassenverschickungsheimen“,

Diese Opfer haben bisher keine öffentliche Stimme, ich stelle gerade Erlebnisse aus diesen Heimen zusammen. Ich beginne mit den kommentaren auf dieser Seite.  Wer will kann mir schreiben, wer will, kann besucht werden und mehr erzählen, meldet Euch mit euren Erlebnistexten oder zur Verabredung eines Interviews unter der Telefonnummer: 03361-3571776 oder unter der Postanschrift: A.Röhl, Uferstraße 92, 15517 Fürstenwalde/Spree. Ein öffentliches Symposium, zusammen mit dem Kinderschutzbund und Vertretern der ehemaligen Heimkinder ist in Vorbereitung.

Zum Einlesen: http://www.anjaroehl.de/wyk-auf-fohr-%E2%80%93-verschickung

Aktueller Artikel zum Thema:

https://www.tagesspiegel.de/politik/kindesmissbrauch-in-der-nachkriegszeit-ferienverschickung-vor-allem-tat-meist-das-heim-weh/22779554.html

Tipps für die eigene Recherche:

Projektstelle Archivrecherchen und historische Aufarbeitung der Heimerziehung 1949-1975

https://www.landesarchiv-bw.de/web/61032

Projektstelle Archivrecherchen und historische Aufarbeitung der Heimerziehung 1949-1975

!! Projekt läuft nur noch bis Ende 2018!!

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. II: Fachprogramme und Bildungsarbeit, Eugenstr.7, 70182 Stuttgart, Tel.: 0711 212 4272

HEIMVERZEICHNIS:

https://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/62617/Heimverzeichnis.pdf

Ehemalige Heimkinder können sich wenden an:

  1. A) Nora Wohlfarth M.A.

Projektbearbeiterin, Landesarchiv Baden-Württemberg, Olgastr.80, 70182 Stuttgart, Telefon: 0711/212- 4241

E-Mail:  nora.wohlfarth@la-bw.de

Ansprechpartner für:  „Heimerziehung zwischen 1949 und 1975 in Baden-Württemberg“

  1. B) Nastasja Pilz M.A.

Fax: 0711/212-4283

E-Mail:  nastasja.pilz@la-bw.de

Stellv. Ansprechpartnerin für:

„Heimerziehung zwischen 1949 und 1975 in Baden-Württemberg“

Homepage Landesarchiv Baden Württemberg: www.la-bw.de

Heimverzeichnis Baden-Württemberg

https://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/62617/Heimverzeichnis.pdf

Homepage Landesarchiv Baden Württemberg: www.la-bw.de

Anlauf– und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder (ABH). Zusätzlich hat das Sozialministerium Baden–Württemberg zusammen mit dem Landesarchiv Baden–Württemberg ab 1. Mai 2012 eine Stelle zu „Archivrecherchen und historischer Aufarbeitung der Heimerziehung. Aufarbeitung der Heimerziehung nach 1949.

Weiteres:

Die Wanderausstellung „Verwahrlost und gefährdet? in Baden-Württemberg 1949–1975“ ist seit Sommer 2015 an verschiedenen Stationen im Land zu sehen. Alle bisherigen und kommenden Stationen, den aktuellen Standort und das Begleitprogramm sind hier aufgeführt, ebenso auch alle Informationen zu der begleitend erschienen Publikation.

Kommentare

Es gibt 105 Kommentare für "Verschickungsheime – Kinderkuren, Kindererholungsheime in den 50/60er Jahren"

  • Gudrun Dietrich sagt:

    Ich hätte eine Frage an Christine Gäbel, die einen Kommentar am 12. September 18 hinterlassen hat. Bis dato ist es mir nicht gelungen, jemanden zu finden, der/die auch in den 60 er Jahren zur Kinderkur explizit auf Langeoog war. Meine Mutter konnte sich nur daran erinnern, dass die Verschickung über die Ev. Kirche gelaufen ist. Fragmentarische Erinnerungen an diesen Aufenthalt sind schlimm. Nur ein Beispiel: als ich im Kurheim ankam und 2 „Tanten“ meinen Koffer öffneten, die schöne Kleidung sahen, die meine diesbezüglich begabte Mutter selbst genäht hatte, war mein Schicksal besiegelt. Schikanieren und sanktionieren waren an der Tagesordung. Meine Frage an Christine ist die nach dem Namen des Heims.
    Gudrun Dietrich

  • Martin sagt:

    Servus,

    ich wa in den 80ern insgesamt viermal auf Verschickung (Posterholungsheim). Ich war auf Langeoog, in St. Peter Ording (das war echt kacke) in Niendorf und in Baiersbronn. Nur vom Quisisana in St. Peter Ording hab ich noch schlechte Erinnerungen. An den Doktorbesuch kann ich mich noch erinnern und an das schlechte Essen und dass das allgemein eine etwas sehr abgefuckte Bude war. An den Schlafsaal kann ich mich noch erinnern.

    Aber gut dass ich vieles vergessen hab.

  • Serena sagt:

    Ich war im August/September 1973 als fünfjährige nach Berchtesgaden verschickt worden. Nach den Briefen muss es in Schönau gewesen sein. Ich habe schwere Traumafolgestörungen diagnostiziert die mein Leben bis heute beeinträchtigen.
    Ich habe viele Erinnerungen, die ich hier nicht preisgeben möchte, weil das evtl andere zu sehr triggert.
    Aber ich erinnere mich an den Baukörper des Hauses, an den Metallpilz im Garten an dem man sich dranhängen und drehen konnte. Und an die Lage des Hauses in der Landschaft, also wo eine Straße war, wo es Bäume gab, wo man Berge sehen konnte, in welcher Richtung vom Haus es bergauf oder Bergab ging…Es gab eine Art „sportgeräteraum“ in einer Barracke auf dem Grundstück wo ich mich oft versteckt habe. Man durfte (aus gutem Grund) nachts nicht auf die Toilette, was mir zum Verhängnis wurde.
    Ich versuche seit vielen Jahren herauszubekommen wo genau (örtlich) ich war, schon weil es mir therapeutisch gut tun würde den Ort nochmal aufzusuchen. Wenn jemand etwas weiß welches Heim das gewesen sein könnte? Ich habe noch Fotos vom Schlafsaal und auch von Wanderungen in der Gegend. Und Briefe. Vor allem einen einer von der Pflegerin, die dort arbeitete. Ich glaube mich an sowas wie eine Schwesterntracht zu erinnern. Ich wäre dankbar, andere Betroffene zum Austausch zu finden, oder jemand der den Ort kennt und Willens wäre bei Nachforschungen zu helfen. Es war grausam.

  • anja sagt:

    Liebe Serena
    Die über 100 Berichte hier werden von mir gesammelt mit dem Ziel, sie der allgemeinen Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, und dem Verschickungsthema im Heimkinderdrama einen gebührenden Platz einzuräumen, da dieses Thema noch kaum bis gar nicht im öffentlichen Diskurs ist. Davon sind viele Hunderttausende betroffen, denn es gab weit über 1000 Kinderkurheime in Deutschland. Wenn Du Angst hast, deine Erlebnisse hier ausführlich zu schildern, dann schicke sie mir doch per mail, wenn du magst (mailadresse auf dieser Webseite unter Impressum). Ich bin der Meinung, wenn man sich zusammenschließt um eine Öffentlichkeit zu diesem Thema zu alarmieren, dann muss die Wahrheit schonungslos ans Licht. Ich halte sehr viel davon, seine Leidenserfahrungen genau zu erinnern, um dann vielleicht Ursachenanalyse zu betreiben und daraus folgend sich klar zu machen, man war nicht daran schuld! Durch das Zusammentragen vieler solcher Erfahrungen erfährt der Einzelne Trost, denn auch das bestärkt ihn in dem Gefühl: Ich war nicht dran schuld! Das hat man mir angetan, wie auch Tausenden anderer Kinder, aus Gründen, die außerhalb meiner Person lagen und ich tue mich mit den vielen zusammen, die das auch erlebt haben, um es bekannt zu machen. Damit erforscht werden kann, welche psychohistorischen Ursachen das Ganze hatte, um es in Zukunft für immer zu vermeiden. So das große Ziel. Ich bemühe mich zZ darum im Sommer 2019 einen Kongress zu diesem Thema auf die Beine zu stellen, der Ort ist noch nicht bekannt. Alle, die hier kommentieren, werden von mir angeschrieben, liebe Grüße, Anja

  • Corina Dietz sagt:

    Ich bin sehr interessiert an Erfahrungsberichten zu einem Erholungsheim im Schwarzwald/Freudenstadt. Ich weiß nicht wie dieses Heim hieß. Die Verschickung war im Februar 1969 und wurde von den Stahlwerken Südwestfalen für deren angehörige Kinder zu günstigen Konditionen angeboten. Ich habe nur vage Erinnerungen. Ich weiß nur aus Erzählungen meiner Mutter, dass ich verändert und ängstlich wiederkam, davor ein fröhliches und ausgeglichenes Kind.Ich wurde gerade vier Jahre alt und wurde zusammen mit meiner Schwester (5 1/2) für 6 Wochen dorthin verschickt. Ich leide Zeit meines Lebens unter Panikzuständen und versuche im Moment nach Ursachen zu forschen. In Therapien war dieses Heim immer ein Thema und ich denke, dass ich es verleugne, dass es irgendwas damit zu tun hat, bis ich zufällig auf diese Seite gestoßen bin.

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