Anja Röhl

Verschickungsheime – Kinderkuren, Kindererholungsheime in den 50/60er Jahren

Verschickungen –

Kindererholung oder Arbeitsplatzsicherung für ehemalige NS-Landerziehungsstätten?

Ganz besonders Arbeiterkinder wurden in den 60er Jahren in der BRD zu Millionen in Kinderkuren gegeben, oft als  „Kassenverschickungen“ indem ein Arzt das Attest ausschrieb, es soll ein lukrativer Wirtschaftszweig gewesen sein. Die Krankenkasse bezahlte den „Erholungsaufenthalt“ . Viele dieser Kinder kamen schwer traumatisiert zurück.

Die Landerziehungsheime lagen abseits der Metropolen, vielfach in Wald- und Küstengebieten, sie waren unter den Nazis als paramilitärische Drillanstalten ausgebaut und eingerichtet worden, während des Krieges zur Evakuierung / Landverschickung genutzt worden und später noch eine Zeit lang für die 2 Millionen Kriegswaisen genutzt. Ab Ende der 50er Jahre scheint sich dann ein Mangel an Kindern eingestellt zu haben, so das es zu Werbekampagnen der Krankenkassen kam und diese an die Hausärzte in den Arbeiter- und kleinen Angestelltengebieten herantraten, doch von Krankheit bedrohte Kinder zu schicken.

kirchliche oder private Wohlfahrtsorganisationen übernahmen die Heime, die dann Kindern aufnahmen, deren Familien sich keinen Sommerurlaub mit ihren Kindern und frische Seeluft leisten konnten.

Die Verschickungsheime waren Häuser, in die Kinder ab dem 3./4. Lebensjahr allein „geschickt“ wurden, was man sich so vorstellen muss, dass sie allein für 6-8 Wochen fremden „Tanten“ ohne jede Eingewöhnung überlassen wurden, die oft mit 30-50 Kindern allein gelassen wurden und mittels Drohungen, schlechtem Essen, Isolationsstrafen, Demütigungen, Essen als Strafe, (brutale Einfütterung), Schlafstrafen oder -entzug, Ans-Bett-Fesseln, in den Waschraum sperren, Trennung von Geschwistern, Mund und Augen zukleben und vielem mehr „diszipliniert“ wurden.

Der Erholungswert dieser Kuren ist anzuzweifeln, es ist eher von massiver Traumatisierung auszugehen.  Die Kuren lagen grundsätzlich nicht in den Ferien, sondern wurden über das ganze Jahr verteilt, womit die Auslastung der Heime gleichmäßig erfolgte.

Der dadurch hervorgerufene Schulausfall wurde nicht ausgeglichen. Viele verloren damit schulisch den Anschluss oder mussten ein Jahr dranhängen oder ausfallen lassen.

Wer ist Betroffene oder Betroffener und interessiert sich für die Aufarbeitung der Situation in den sogenannten „Kur- und Kassenverschickungsheimen“,

Diese Opfer haben bisher keine öffentliche Stimme, ich stelle gerade Erlebnisse aus diesen Heimen zusammen. Ich beginne mit den kommentaren auf dieser Seite.  Wer will kann mir schreiben, wer will, kann besucht werden und mehr erzählen, meldet Euch mit euren Erlebnistexten oder zur Verabredung eines Interviews unter der Telefonnummer: 03361-3571776 oder unter der Postanschrift: A.Röhl, Uferstraße 92, 15517 Fürstenwalde/Spree. Ein öffentliches Symposium, zusammen mit dem Kinderschutzbund und Vertretern der ehemaligen Heimkinder ist in Vorbereitung.

Zum Einlesen: http://www.anjaroehl.de/wyk-auf-fohr-%E2%80%93-verschickung

Kommentare

Es gibt 44 Kommentare für "Verschickungsheime – Kinderkuren, Kindererholungsheime in den 50/60er Jahren"

  • Ute Zielonka sagt:

    Liebe Frau Röhl,

    gestern erst unterhielt ich mich mit einer Frau ,deren Schwester im Alter von 8 Jahren auch dorthin geschickt wurde (Asthma) Ich wurde mit 4 Jahren dorthin geschickt,angeblich ,weil ich ein nervöses Kind war ?….sagte meine Mutter….6 unendlich lange Wochen !
    ich weiß noch ,dass wir uns am 1. Abend duschen sollten. Ich wollte nicht,mich schon gar nicht auf fremde Menschen einlassen….und ich wurde ja „fortgeschickt “ -Ich verstand ja gar nichts….ich sehe mich vor mir ,wie ich schreiend ,vor 2-3 Erzieherinnen durch das Heim rannte und sie mich aber doch bewältigten und mich mit Gewalt auszogen und unter die Dusche brachten.Irgenwie sehe ich Sammelduschen in einem Raum und irgendwie kam es mir vor,als wenn eine ? Erzieherin mitduschte,da ich weiß,dass mir eine zeigte und einbleute ,wie ich einen Waschlappen richtig einzuschäumen hätte…bis der Schaum spritzt ! Dann sehe ich mich in einem Schlafraum mit vielen Betten ,ich weinte erbärmlich….niemand war da…außer den anderen Mädchen im Raum. Das blonde Mädchen neben mir versuchte mich zu trösten.

    Morgens standen wir vor einem laaangen Bimssteinwaschbecken….nackt , um Zähne zu putzen,eine Erzieherin ging hinter uns vorbei und gab jedem Mädchen einen Klaps auf den nackte Po.

    Der Mittagsschlaf „musste“ abgehalten werden -egal wie…ich war ein lebhaftes Kind und war nicht müde…ich öffnete die Augen und schloß sie nicht -vielleicht habe ich auch gepischpert . Auf jeden Fall war es dann so ,dass ich unter dem Stuhl der “ Aufseherin“ liegen musste,sie saß in einem offenen Kabuff in …vor dem Schlafsaal .Ich weiß noch wie demütitigend das für mich war …

    Ich sehe mich auch bei den Mahlzeiten , mit einer Schüssel draußen -vor dem Eßzimmer-auf einer Treppesitzen-wurde mal wieder isoliert. Und das Gefühl dieser Unendlichkeit,die Fragen in mir…wann jemand kommt ,um mich zu holen …Besuch..ect. Dort war ein Hausmeister ,mit dem ich redete…ich glaube er war recht nett ?!!!! Ich habe heute noch sehr große Verlustängste und reagiere körperlich sehr stark ,wenn sich eine Bezugsperson nur einmal nicht meldet …meist sind das meine Partner…gerate schnell in Abhängigkeitsverhältnisse ! Denke dann auch-ich bin schlecht …wie damals,als niemand kam….????

  • Ute Zielonka sagt:

    Liebe Frau Röhl,

    gestern erst unterhielt ich mich mit einer Frau ,deren Schwester im Alter von 8 Jahren auch dorthin geschickt wurde (Asthma) Ich wurde mit 4 Jahren dorthin geschickt,angeblich ,weil ich ein nervöses Kind war ?….sagte meine Mutter….6 unendlich lange Wochen !
    ich weiß noch ,dass wir uns am 1. Abend duschen sollten. Ich wollte nicht,mich schon gar nicht auf fremde Menschen einlassen….und ich wurde ja “fortgeschickt ” -Ich verstand ja gar nichts….ich sehe mich vor mir ,wie ich schreiend ,vor 2-3 Erzieherinnen durch das Heim rannte und sie mich aber doch bewältigten und mich mit Gewalt auszogen und unter die Dusche brachten.Irgenwie sehe ich Sammelduschen in einem Raum und irgendwie kam es mir vor,als wenn eine ? Erzieherin mitduschte,da ich weiß,dass mir eine zeigte und einbleute ,wie ich einen Waschlappen richtig einzuschäumen hätte…bis der Schaum spritzt ! Dann sehe ich mich in einem Schlafraum mit vielen Betten ,ich weinte erbärmlich….niemand war da…außer den anderen Mädchen im Raum. Das blonde Mädchen neben mir versuchte mich zu trösten.

    Morgens standen wir vor einem laaangen Bimssteinwaschbecken….nackt , um Zähne zu putzen,eine Erzieherin ging hinter uns vorbei und gab jedem Mädchen einen Klaps auf den nackte Po.

    Der Mittagsschlaf “musste” abgehalten werden -egal wie…ich war ein lebhaftes Kind und war nicht müde…ich öffnete die Augen und schloß sie nicht -vielleicht habe ich auch gepischpert . Auf jeden Fall war es dann so ,dass ich unter dem Stuhl der ” Aufseherin” liegen musste,sie saß in einem offenen Kabuff in …vor dem Schlafsaal .Ich weiß noch wie demütitigend das für mich war …

    Ich sehe mich auch bei den Mahlzeiten , mit einer Schüssel draußen -vor dem Eßzimmer-auf einer Treppesitzen-wurde mal wieder isoliert. Und das Gefühl dieser Unendlichkeit,die Fragen in mir…wann jemand kommt ,um mich zu holen …Besuch..ect. Dort war ein Hausmeister ,mit dem ich redete…ich glaube er war recht nett ?!!!! Ich habe heute noch sehr große Verlustängste und reagiere körperlich sehr stark ,wenn sich eine Bezugsperson nur einmal nicht meldet …meist sind das meine Partner…gerate schnell in Abhängigkeitsverhältnisse ! Denke dann auch-ich bin schlecht …wie damals,als niemand kam….????

  • anja sagt:

    Leider sehe ich erst jetzt diesen Kommentar, bitte melden Sie sich über Impressum meiner Webseite, ich bin dabei eine Interessengruppe Verschickungskinder zu gründen, es soll auch dieses Thema stärker in den öffentlichen Diskurs eingebracht werden, Anja Röhl

  • Sabine Baumann sagt:

    Werte Fr. Roehl,
    Ich habe nach anderen Leuten gesucht die auf Wyk auf Foehr zur „Kur“ waren. Ich bin als 4 oder 5 jaehrige dorthin geschickt worden, und habe jetzt erst angefangen diese Zeit auf zu arbeiten. Ich habe den verdacht das viele meiner heutigen schwierigkeiten mit meiner zeit dort zu tun habe,
    Wurede weitere auskuenfte zu schaetzen wissen, da ich nur 1 oder 2 erinnerungen an die zeit habe. Und ich dachte das diese alptraeume waren.
    Ich wuerde mich ueber eine antwsort freuen
    Sabine

  • anja sagt:

    Danke für Ihre Anfrage, ich fand sie erst jetzt, ich sammele noch die Berichte und schreibe dann einen Sammelbrief, es sind zu viele !Gern können Sie mich unter Impressum auch per mail kontaktieren,

    Danke

    Anja Röhl

  • anja sagt:

    Danke für Ihre Anfrage, ich fand sie erst jetzt, ich sammele noch die Berichte und schreibe dann einen Sammelbrief, es sind zu viele !Gern können Sie mich unter Impressum auch per mail kontaktieren,

    Danke

    Anja Röhl

  • Rosa Brandt sagt:

    Sehr geehrte Frau Röhl, ich habe schon eine Nachricht auf Ihrer facebook Seite hinterlassen, aber da Sie dort nicht so oft sind, hier noch einmal:
    Ich war, während meiner Grundschulzeit in mehreren Erholungsheimen, da meine Mutter glaubte, ich sei zu dünn. Das waren immer 6 wöchentliche Aufenthalte und es war nie besonders gut. Ein Heim sticht jedoch dabei hervor: Die sogenannte Kinderheilstätte Sonnleiten in Bayerisch Gmain. Ich war dort im Februar – März 1962 und war 10 Jahre alt. Die Erzieherinnen hatten wohl ihre Ausbildung bis 45 gemacht, jedenfalls war wohl mindestens eine Sadistin am Werk und die restlichen haben zumindest nichts dagegen gemacht. Morgens gab es immer eine Milchsuppe, immer wieder auch mit saurer Milch. Dieser Teller mit Suppe musste aufgegessen werden, auch egal wie lange es dauerte. Immer wieder erbrachen sich Kinder dabei. Diese Kinder mussten meist unter Tränen ihr Erbrochenes aufessen. Das habe ich mehrmals beobachten müssen. Mir ist das glücklicherweise nicht passiert, nur als meine Sitznachbarin mir über meinen Arm erbrach, wäre es bei mir auch fast so weit gewesen. Einmal wurde mein Kopf an den Haaren gerissen und mit dem Kopf eines anderen Kindes zusammengestoßen. Ich bin aber insgesamt gesehen relativ glimpflich davon gekommen. Natürlich wurde die Post, die wir nach Hause geschickt haben, kontrolliert. Wir konnten nichts über die Zustände dort schreiben. Als ich zu Hause war, habe ich davon auch nichts erzählt. Ich war froh diesem Terror entronnen zu sein.
    Meine Wut hält aber bis heute an. Ich habe mit der Stadt telefoniert, aber dieses Heim gibt es nicht mehr. Ich habe der DAK, die das damals bezahlt hat, versucht das zu berichten. Keine Antwort. Immer mal wieder habe ich im Netz gesucht, ob es jemand gibt, der darüber schreibt. Glücklicherweise habe ich jetzt Ihre Website gefunden. Es wäre schön andere Ehemalige zu finden, um sich auszutauschen. Ich habe auch noch Bilder von diesem Heim und von diesen Erzieherinnen. Würde ich gerne zur Verfügung stellen. Lustige Bilder von einer Faschingsfeier!
    Ich hoffe, dass Sie ein Buch über diese Erholungsheime realisieren können. Bitte halten Sie mich auf dem Laufenden.
    Mit freundlichen Grüßen
    Rosa Brandt

  • anja sagt:

    Ich bin sehr interessiert daran, bitte schreiben Sie mir über meine emailadresse auf dieser Webseite

  • Jens Mährländer sagt:

    Hallo Frau Röhl,
    ich habe ganz ähnliche Erfahrungen gemacht wie Frau Brandt, allerdings im Adolfinenheim auf Borkum. Auch dort wurden Kinder unter Schlägen gezwungen, ihr Erbrochenes zu essen. Im Rahmen von Strafmaßnahmen wurden kleine Kinder mit Atemwegserkrankungen gezwungen, ohne Decke auf nackten Holzbänken zu schlafen. Briefe wurden selbstverständlich zensiert oder gleich von den „Betreuerinnen“ verfasst und Taschengeld oder Sendungen der Eltern einbehalten. Falls Ihnen dieser Thread noch nicht bekannt sein sollte: http://www.chefkoch.de/forum/2,22,248130/Adolfinenheim-auf-Borkum-alte-Kollegen-gesucht.html?page=5

  • Walter Klein sagt:

    Ich war irgendwann Mitte der 60er Jahre für 6 Wochen in der Kinderheilstätte Sonnleiten in Bayerisch Gmain zu einem Kuraufenthalt gewesen. Deshalb würde ich sehr gerne einmal mit Frau Rosa Brandt in Kontakt treten, ihre Fotos würden mich sehr interessieren. MfG Walter Klein

  • Kati sagt:

    Ich bin als 4 oder 5 jährige auch in ein „Erholungs“ Verschickungsheim in Nienhagen (Ostsee) gebracht worden.Aus meiner Erinnerung war es ein kirchlicher Träger ( evangelisch). Wenn ich meine Mutter heute dazu befrage ,warum sie mich als so kleines Mädchen weg von zu Hause geschickt hat, kommt keine vernünftige Antwort. Man wollte mir eigentlich etwas Gutes tun. Vielleicht war sie einfach nur naiv. Ich erinnere mich an Situationen , als nur mit Unterhemd bekleidet in der Kälte ( bei Schnee) draußen stehen. An die eklige Milchsuppe , an viele Tränen und Heimweh.Ich kam aus einem liebevollem , konsequenten Umfeld und habe wie andere auch dort viele Demütigungen erlebt.

  • Liebe Anja,
    dein Engagement finde ich super und total wichtig! Du hilfst dadurch nicht nur anderen Betroffenen, sondern klärst die Menschen auf, die diese Zeit anders erlebt haben oder gar erst später geboren wurden.
    Was mich angeht, so bin ich von meinen Eltern im April 1967 nach Wyk auf Föhr „verschickt“ worden. Sechs Wochen lang war ich im DRK Kinder- und Erholungsheim „Jungborn“ zur sogenannten Erholung. Auch dort herrschten die gleichen Zustände wie in den anderen Häusern. Von unserer ungelernten Gruppenleiterin wurden wir nicht nur bestohlen, sondern erfuhren auch Grenzverletzungen was unsere Intimsphäre anging. Dazu kam, dass unsere Briefe streng zensiert, der Inhalt der Pakete unserer Eltern an alle anderen Kinder verteilt wurden und das Essen eine Katastrophe war. Außerdem gab es eine Art „Sonderbehandlung“ am Morgen. Der Hausmeister wurde von der Heimleitung beauftragt, in einem großen Bottich frisches, kaltes Meerwasser anzukarren, was er uns anschließend unter Zwang kübelweise über den Kopf schüttete. Seit den 90-ziger Jahren recherchiere ich zum Thema „Jungborn“ und stehe kurz vor Abschluss meiner Arbeit. Interessierte können sich gerne mit mir in Verbindung setzen. Meine Mailanschrift lautet: info@initiative-gegen-gewalt.de
    Beste Grüße
    Johannes Heibel

  • Anton, Rufname Toni sagt:

    Hallo Frau Röhl,

    ich freue mich, dass jemand wie sie dieses heikle Thema aufgreift.
    Auch ich war mit 13J 1963 auf Borkum im ADOLFNENHEIM. Leider fehlen mir sehr viele Erinnerungen an diese Zeit. Ich weis das es sehr sehr streng zu ging. Ich kann mich an einen Vorfall erinnern.
    Wir waren ein paar Jungs im Zimmer und mussten zum essen gehen. Unsere Gruppenleiterin war da. Die Zimmertüre stand auf, ich wurde von hinten gestossen so das ich durch die offene Tür ging. In diesem Moment kam die Leiterin und meine Hand landete in ihrer Magengegend, wo ich nicht für konnte. Die Gruppenleiterin hat es gesehen und nichts dazu gesagt. Ich wurde sehr hart bestraft. Ich bekam kein Essen und Trinken.
    Was ich hier gelesen habe wurde auch in diesen Heim praktiziert
    Viele liebe Grüße
    Toni

  • Andrea Dietrich sagt:

    Liebe Frau Röhl,

    danke für die Gelegenheit, hier auch meine Erfahrungen, die ich 2x in einer sogenannten Erholung in Hude (Norddeutschland) machen mußte. Auch hier herrschte eine rigide, kalte Ordnung mit täglichem Mittagsschlafzwang, wobei bei der geringsten Ruhestörung mit „Nachschlafen“ -(man mußte sich während der allgemeinen Mittagsschlafzeit in den kalten Flur auf einen Stuhl setzen und dann, wenn die anderen wieder aufstehen durften, sich allein ins Bett legen, während alle anderen Kinder spielten oder einen Geburtstag feierten.)- bestraft wurde.
    Auch der Essenszwang, wie in vorherigen Berichten beschrieben war hier an der Tagesordnung.
    Wenn man bei dem strengen Haltungsturnen nicht, ohne auch nur die geringste Zögerung mitmachte, wurde auf den Hintern geschlagen. Eine vertraute freundliche Person gab es, so weit ich mitbekommen habe für niemanden.
    Das waren die Zustände 1965, als ich 7J. alt war und auch noch 1967 als ich 9 J.
    -……..

    beste Grüße
    Andrea

  • anja sagt:

    Danke für Ihren kleinen Beitrag, ich möchte Sie alle unbedingt einmal zusammen einladen, bitte versuchen Sie sich noch an weitere Einzelheiten zu erinnern! Wann sind Sie „verschickt“ worden, wie lange mussten Sie dableiben, viele Einzelheiten braucht man, um es verständlich zu machen!

  • Angelika sagt:

    Hallo, ich wurde um das Jahr 1974 mit 6 oder 7 Jahren für sechs Wochen nach Bayerisch Gmain (Sonnleiten?)geschickt wegen chronischer Bronchitis. Kontakt zu den Eltern durfte man nur per (zensierter) Briefe haben, Besuche der Eltern waren verboten. Es war während der Grundschulzeit, dort fand aber keinerlei Unterricht statt. Ich erinnere mich an Eckenstehen, Kasernenhofton und „du bleibst sitzen, bis du aufgegessen hast“. Ich habe das bis heute nicht vergessen. Würde mich freuen von anderen Betroffenen zu hören.

  • Andrea sagt:

    Liebe Frau Röhl,

    die „Erholungszeit“ in Hude bei Oldenburg , Norddeutschland, dauerte mindestens 4 Wochen oder 6 Wochen von Mai- mitte Juni, während der Schulzeit. Für den Besuch zu einer weiterführenden Schule -Gymnasium oder Realschule reichten die Leistungen in der 4. Klasse dann nicht mehr aus, so das ich erst später an weiterführenden Schulen das Abitur gemacht habe.

  • Holger sagt:

    Liebe Anja Röhl,
    ich war von April bis Mai 1969 für sechs Wochen im Adolfinenheim auf Borkum. Ich war 9 Jahre alt, dünn und nervös, wurde darum zur Kur geschickt.
    Es war ein düsterer, bedrohlicher Bau auf einem Hügel. Wir waren mit 12 Jungen in einem Schlafsaal, wurden jeden Tag gezwungen, einen Mittagsschlaf zu machen. Wir mussten einmal unter Androhung von Gewalt eine Milchsuppe essen, die der Koch dämlicher weise gesalzen satt gezuckert hatte.
    Ein Junge meinem Zimmer wurde körperlich gezüchtigt. Die Betreuerin schlug ihm mit einem Holzlatschen auf den nackten Po. Von weiterer Gewalt hatte ich nur während meines Aufenthalts gehört.
    Ich lernte dort allerdings, wie ich meine Schuhe putze.
    Jahre später sah ich das Adolfinenheim während einer Jungendfreizeit wieder. Dr Anblick gruselte mich.

  • Sylvi sagt:

    Ich war 1964 mit 4 Jahren in der Eifel…meine Mutter erinnert sich wohl nicht mehr genau,ob es Eifel oder Harz war.
    Sie hat mich mit 4 Jahren für 6 Wochem weg geschickt.
    Es war gruslig…ich hasse heute noch Schwarzbrot u bin sichtlich geschädigt worden,fürs Leben.Leider bekam ich dort noch die Windpocken u habe nur geweint u wollte zu meiner Mutter…Iwie habe ich ihr das nie verziehen u sie mag darüber absolut nicht reden…

  • Iris Junior sagt:

    Hallo Frau Röhl
    Ich war mit meiner Schwester 1969 auf Borkum..Ich 9 Jahre meine Schwester 8 Jahre alt..Ich glaube es war das Adolffinenheim.Wir wurden sofort bei Ankunft getrennt.Habe meine Schwester erst Wochen später wiedergesehen.Wir wurden gezwungen Milchbreit oder Grießbrei zuessen (ich mochte beides nicht)habe es erbrochen und bekam sofort einen neuen Brei.Es waren grosse Schlafsäale viele Kinder weinten den ganzen Tag.Eine Schwester ging immer mit dem Rohrstock umher im Schlafsaal wenn man sich zuviel bewegten kam der Rohrstock zum Einsatz. Am Strand mussten wir immer nackt rumlaufen.Sie haben uns auch privatein Sachen abgenommen und wir durften nicht nach hause schreiben es wurde kontrolliert. Ab und zu rede ich noch heute mit meiner Schwester darüber ..Es war wirklich entsetzlich dort….lg

  • Gerold Hoßbach sagt:

    > Hallo Frau Röhl ,
    >
    > auch ich wurde von meinen Eltern dahin verschickt und war 1963 für 6 Wochen in Bayerisch Gmain . Es ist und bleibt eine unvergessene Zeit .
    > Am schlimmsten war es beim Mittagstisch unter Aufsicht seinen Teller leer zu essen und sich
    > dann auch noch Nachschlag holen musste .
    > Mein Alptraum bis heute war und ist Sauerkraut mit Kümmel und zum Abend roten Tee .
    > Ich habe mal ein paar Fotos hinzugefügt , der Schein trügt ein wenig , wir waren nicht immer
    > so froh gelaunt .
    >
    > Liebe Grüße aus Wetzlar in Hessen
    >
    > Gerold Hoßbach

  • anja sagt:

    Ich finde hier keine Fotos!

  • Sabine Rosina aus Hamburg sagt:

    Liebe Frau Röhl,
    ich habe schon einmal vor längerer Zeit nach Foren gesucht, in denen es um
    “ Erholungs“-Kinderheime geht und hatte nichts gefunden. Sollte damals wohl so sein, denn die Seele schützt uns ja auch durch Verdrängung.
    Nun hatte ich mich heute noch mal auf die Suche begeben und bin hier gelandet.
    Ich wurde mit 4 Jahren – 1958 – von meinen Eltern mit dem Schiff nach Wyk auf Föhr in ein Kinderheim gebracht. Ich soll immer zu dünn gewesen sein und schlecht gegessen haben..
    Kinderfotos von mir zeigen ein kleines niedliches normal-gewichtiges Mädchen.
    In meiner Erinnerung sah ich immer ein kleines Kind, welches sein Erbrochenes aufessen mußte. Erst später wurde mir klar, dass ich das kleine Mädchen war.
    Sonst kann ich mich an GARNICHTS von dieser KINDERKUR erinnern.
    Ich leide seit Jahrzehnten an Panikattacken, wenn es mir oder anderen Menschen schlecht geht und es sich so anfühlt, dass ich mich übergeben könnte!!!!! oder die anderen Menschen sich überrgeben könnten.
    Trotz Therapie gab es bisher nur kleine Verbesserungen.

    Es hat mir noch einnmal deutlich gemacht, dass meine Erinnerung keine Spinnerei war.
    Und ich habe mir diese Geschichte nicht ausgedacht. Das dachte ich viele Jahre lag.
    Herzlich danke ich Ihnen für Ihr Forum.
    Sabine Rosina aus Hamburg

  • Tönjes sagt:

    Sehr geehrte Frau Röhl,
    Ich habe schon einmal über Google versucht das Adolfinenheim auf Borkum einzugeben,da ich um 1967 mit 13 Jahren dort war. So wie manche es hier Schildern fand ich es eigentlich nicht so schlimm. Zwar musste man sein Mittagsschlaf halten und andere die vom Gewicht her zu viel drauf hatten, ihr Salzwasser Trinken mussten, was ich mir vorstellen kann das,dass nicht so schön war. Wir hatten ein Schlafraum wo 12 Kinder waren auf jeder Seite 6 Betten neben einander. Die Nachtwache war auf dem Flur und man musste immer sich bei Ihr Abmelden,wenn man zur Toilette wollte. Ansonsten war es so weit alles in Ordnung. Am Tage sind wir Viel gewandert mal in die Innenstadt oder zum Strand. Am Dienstag bekam ich immer meine Sport Zeitung zugeschickt von zu Hause damals noch die Bremer-Sport. Da ich ein großer Fußballfan war,habe ich ja nichts mit bekommen vom Wochenende. Die Pakete die mir zu geschickt wurde mit ein paar Süßigkeiten wurden dann aufgeteilt. Ich kann mich heute noch an alles erinnern und möchte diese Zeit nicht missen.

    Viele grüße
    Ronald

  • Ute Dittmar sagt:

    Hallo Frau Röhl,

    mein Aufenthalt im Adolfinenheim auf Borkum begann am 2.3.1971 und dauerte 6 Wochen. Ich wurde dort 10 Jahre alt und gehörte damit zur 2. Altersgruppe. Im großen Schlafsaal nebenan weinten die kleineren Kinder oft, ein Kontakt war nicht erwünscht.
    Es herrschte allgemein eine sehr strenge Atmosphäre und Beaufsichtigung, schwatzen und kichern bei den Mahlzeiten und während des Mittagschlafes waren nicht erlaubt und wurden bestraft. So wurde einem die Bettdecke über den Kopf gezogen und unter dem Kopfkissen festgesteckt. In diesem Zustand verharrte man bis zum Ende der Schlafenszeit.
    Beim nächtlichen Toilettengang wurde man von der Nachtwache, eine Schwester in kirchlichem Ornat, ebenfalls kontrolliert. Dies war sehr demütigend und der Sinn hat sich mir nicht erschlossen, nur Angst gemacht.
    Unsere Kleidung befand sich zwar in unserem Zimmer, wir durften davon aber keinen freien Gebrauch machen, uns nicht einmal eine frische Unterhose nehmen.
    Zur (wöchentlichen?) Untersuchung gingen wir in den gegenüberliegenden Jungstrakt und warteten dort frierend in Unterwäsche.
    Ich habe muß mich dort sehr einsam und verlassen gefühlt haben, denn ich habe versucht, mir den Arm wund zu kratzen. Immerhin konnte ich mich mit einem anderen Mädchen anfreunden, das muß tröstlch gewesen sein.
    Zu dem Aufenthalt auf Borkum kam es auf Initiative einer Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes. Mein Vater war krank, ich galt alt tendenziell unterernährt und man wollte mir wohl etwas Gutes tun.
    Meine Mutter erinnert sich, von meinen Erzählungen schockiert gewesen zu sein, hüllte sich aber aus Scham und schlechtem Gewissen in Schweigen. Auf dem Gesundheitsamt hatte man ihr jedenfalls kein Gehör oder Glauben geschenkt.
    Ich habe nur diese wenigen negativen Erinnerungen an diese Zeit, bin aber 1975 nochmals zur Kur in ein privat geführtes Heim im Harz verschickt worden und habe dor t 4 sehr glückliche Wochen verbracht.

    Mich würde interessieren, wie Sie mit unseren Berichten verfahren und was Sie im Weiteren planen.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Ute, Berlin

  • anja sagt:

    Ich sammle zunächst diese Berichte und schreibe die Leute per Mail an, ob sie Lust hätten, eine Interessengemeinschaft zu gründen, mit dem Ziel größerer öffentlicher Beachtung des Themas, und ob sie sich eventuell durch ein vertiefendes Interview an einem Buch beteiligen würden
    Grüße
    Anja

  • anja sagt:

    Wann war Ihr Aufenthalt dort, darauf kommt es sehr an?

  • Valerie Lenck sagt:

    Hallo Anja Röhl,

    ich war vom 25.08.- 19.10.1967 im Hamburger Kinderheim in Wyk auf Föhr, weil ich ein dünnes Kind war. Kerngesund, aber dünn. Vielleicht war es auch ganz schön, dass jüngste von drei Kindern mal los zu sein. Aus meiner Sicht gab es jedenfalls keinen Grund, ein so kleines Kind so lange wegzugeben.

    56 DM Zuzahlung haben meine Eltern damals geleistet für 56 Tage. So steht es im Bescheid der Freien und Hansestadt Hamburg, den ich in meinen Akten gefunden habe.

    Ich war 4 Jahre alt und alles, an was ich mich erinnere, ist furchtbar. Natürlich gibt es in diesem frühen Alter wenige konkrete Bilder und viel Diffuses. Meine Mutter hatte meinen Koffer gepackt und einen Zettel in den Deckel geklebt. Dort stand nicht nur der Inhalt des Koffers, sondern auch wie damit zu verfahren sei. So konnte ich das rote Kleid nur mit dem weißen Pullover darunter aushalten. Es war aus Wolle und juckte. Es war den Erzieherinnen völlig schnuppe, was meine Mutter sich da überlegt hatte. Sie machten sich darüber lustig und zogen mich damit auf. Ich musste mich so anziehen wie sie wollten. Punkt. Verweichlichungen wurden nicht geduldet.

    Einmal gingen wir raus und nur die Erkälteten durften eine Mütze aufsetzen. Mir war kalt und ich zog eine Mütze an, obwohl ich nicht krank war. Da musste ich zurückbleiben. Ich weiß nicht mehr, was dann mit mir geschah, aber ich erinnere völliges Unverständnis von mir. Mir war kalt. Wo war das Problem? Ich gab mir ja Mühe nicht anzuecken. Aber das war echt schwierig. Dass ich mit Messer und Gabel essen konnte? Wurscht. Es gab sowieso nur einen Löffel in die Hand. Das Essen erinnere ich als ganz schlimm. Ich erinnere völligen Unglauben, dass ich das essen sollte.
    Das ist mein vorherrschendes Gefühl zu dieser Zeit: Unglaube. Wieso muss ich mir selber die Haare waschen, was ich noch nicht konnte und das Haarwaschmittel brennt in meinen Augen, aber Messer und Gabel bekam ich nicht. Wenn ich heute darüber nachdenke, muss es so gewesen sein, dass ich es gewohnt war, dass Ver- und Gebote begründet wurden. Hier herrschte nur Befehl und Lieblosigkeit.

    Meine Mutter schickte mir jeden Tag eine Postkarte und die Erzieherinnen lasen die Karte bei Tisch allen vor. Ich erinnere der Scham, die ich dabei empfand. Zwei dieser Karten habe ich noch. „Mein süßes Mottchen. Diese Karte hat Doris für dich ausgesucht.“ Das war mir offenbar peinlich.

    Am schlimmsten aber war der Mittagsschlaf. Wie alle Kinder wollte auch ich den Erwachsenen gefallen und gab mir Mühe den Erwartungen zu entsprechen, aber Mittagsschlaf war für mich Zuhause schon abgeschafft gewesen, da ich schon immer weniger schlief als andere. So war es jeden Tag stundenlanges bescheuertes Stillliegen. Mir ist auch so, als wäre es irgendwie im Kalten gewesen.

    Gegen Ende der Verschickung gingen wir Muscheln sammeln und dann bekamen wir alle eine Plastiktüte mit Muscheln mit nach Hause. Wahrscheinlich sollten unsere Eltern denken wir hätten einen schönen Badeaufenthalt gehabt.

    Seit ich selbst ein Kind habe und realisiert habe, wie klein ein vierjähriges Kind ist, bin ich fassungslos wie meine Eltern das haben tun können. Am Bahnhof wurde ich in den Zug gesetzt. Es waren viele Kinder im Zug und vielen Eltern auf dem Bahnsteig. Der Zug fuhr los und von dem Moment an, fühlte ich mich schutzlos ausgeliefert. In meiner Erinnerung hatte ich solange Angst etwas falsch zu machen bis ich wieder Zuhause war.

    Ich bin sehr froh über Ihre Initiative. Denn immer noch herrscht die Einschätzung vor, wir hätten eine schöne Ferienreise machen dürfen und es hätte vielleicht die ein oder andere kleine Unannehmlichkeit gegeben. So war es eindeutig nicht. Andere haben es hier auf der Seite schon vor mir formuliert und ich schließe mich an: Es waren die schlimmsten Wochen meines Lebens.

    Schöne Grüße

    Valerie Lenck

  • anja sagt:

    Sorry, habs zu spät gesehen, ich werde Ihnen demnächst per mail antworten

  • anja sagt:

    Ich kopiere die Kommentare und mache eine Liste, die ich allen zuschicke mit der Frage nach gemeinsamer Vernetzung, eventuell weitere Interviews mit dem Ziel eventuell eines Buches

  • Hans-Georg sagt:

    Während einer langen Eisenbahnfahrt 1960 vom Kölner Hbf nach Emden, stiegen bis zum Ruhrgebiet immer mehr Kinder in den dampflokbetriebenen Zug. Es war Januar und bitter kalt. In Emden mussten wir unter Deck eines nicht allzu großen Schiffes, weil der Wellengang der Nordsee recht heftig war. Es handelte sich wohl um einen Fischkutter, das konnte ich mit meinen knapp sechs Jahren noch nicht richtig einschätzen.
    Unser Kinderheim auf und in Borkum befand sich direkt in unmittelbarer Nähe zum neuem Backsteinleuchtturm, dessen Leuchtfeuer unser Zimmer mit 6 Kindern (oder auch 8?) nächtens einmal taghell erleuchtete und dann wieder für Sekunden ins Dunkel schickte. Die gelben Gardinen konnten dagegen nichts ausrichten.
    Die einfachen Waschbecken in langer Reihe waren sehr niedrig angebracht. Auch gab es Badewannen, die auf Füßen standen und mit salzigem Wasser gefüllt waren (habe ich ausprobiert!). Es gab große Räume mit Höhensonnen, deren Strahlen wir uns regelmäßig aussetzen mussten.
    Völlig ungewohnt für mich war die Zwangsmittagsruhe. Eine ganze Stunde Bettruhe! Ich habe mein ganzes Leben lang niemals Mittagsruhe oder gar -schläfchen gehalten. Für meinen natürlichen Bewegungsdrang war das eine einzige Zumutung. Mein Bettchen stand
    gleich neben dem Schrank mit dem zimmereigenem Spielzeug. Obwohl streng verboten, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mit Spielzeug unter der Decke zu spielen, um die Stunde umzukriegen. Natürlich wurde ich dabei erwischt. Die Strafe: Völliger Liebesentzug der Erzieherinnen. Für kleine Kinder ist das schon ziehmlich hart – Haue wäre mir jedenfalls lieber gewesen.
    Das Essen war…ungewöhnlich für mich. Meine Lieblingsspeise – falls man davon überhaupt reden kann – war Knochensuppe mit wenigen Nudeln. Den täglichen gekochten Fisch konnte ich bereits nach drei Tagen in etwa nicht mehr sehen. Essen musste ich ihn dennoch. Noch Jahrzehnte später hatte ich mit gekochten Fisch große Probleme: Essen.mag ich ihn bis heute nicht.
    Weil mein Pseudokrupp (keine Ahnung, ob es damals schon so hieß) sich während der regulären sechs Wochen offensichtlich nicht gebessert hatte, erhielt ich eine Verlängerung. Während die anderen Jungs nach Hause fuhren, musste ich bleiben. Mein Heimweh erreichte ungeahnte Dimensionen. Ein kleiner Trost war, dass ich allein im Spielzimmer mit allen Lego-Klötzchen spielen durfte.
    Den 6. Geburtstag „feierte“ ich im Speisesaal. Die Erzieherin öffnete mein Paket, dass in der Haupsache wohl von der Oma stammte, forderte die Runde auf mir zu gratulieren und verteilte an die Kinder den Inhalt des Paketes. Meine Geburtstagssüßigkeiten! Ich fühlte mich sehr verlassen…
    Gelegentlich durften wir ins Freie: Seil mit Knoten, Kinder dran und los. Wegen der dauernden starken Winde, hatten wir Südwester auf. Sah bestimmt putzig aus, war aber sehr unbequem. Wir mussten einen Respektabstand vom Wasser halten und durften auch auf keinen Fall in die Dünen. Ich erinnere mich daran, dass ein gestrandeter Kutter schräg auf dem Strand, halb im Wasser, lag,
    Die wenigen Läden hatten bereits österlich „dekoriert“, die Narzissen blühten schon. Im Andenkenladen roch es nach getrocknetem Fisch, was vielleicht von dem ausgestopften Hai(?) ausging, der über dem Tresen hing. Ich kaufte für meine Eltern als Andenken einen goldenen Blechleuchtturm, dessen Leuchteinheit mittels Schräglamellen von einem Teelicht angetrieben wurde. Der Leuchtturm stand noch lange in der elterlichen Vitrine.
    Jeden Sonntag ging es in die Kirche. In die evangelische Kirche. Ich war zwar noch ein kleiner Junge, aber der Unterschied zu einer katholischen Kirche fiel mir sofort auf. Der Pastor hielt von der Kanzel quasi Religionsunterricht mit donnernder Stimme ab und bezog auch uns Kinder mit ein. Furchterregend…
    Kurz vor meiner Einschulung im April 1960 kam ich wieder in Köln an. Am Bahnhof empfingen mich Mutter und Oma und kleines Schwesterchen. Die Leute kamen mir seltsam fremd vor…
    Insgesamt war ich – wenn ich das recht in „Erinnerung“ habe – 12 Wochen von zu Hause weg. Für einen kleinen Jungen eine sehr, sehr lange Zeit.
    Misshandelt oder schickaniert wurde ich offensichtlich nicht, kann mich an so etwas jedenfalls nicht erinnern. Allerdings war ich auch ein ruhger, schüchterner Knabe, der keine Probleme bereitete.

  • Margret Richter sagt:

    Bevor der Aufenthalt in meiner Hölle begann, war ich ein glücklicheres keines 6 jähriges Mädchen. Mein Bruder 11 Jahre und ich wurden 1962 nach Bad Reichenhall verschickt. Ein 6 wöchiger Aufenthalt der mir mein ganzes Leben in Erinnerung geblieben und mein Leben, wie ich erst jetzt weiß, verändert hat. Ich lese so viel von ehemaligen Heimkindern aber für mich haben diese 6 Wochen gereicht. Wir mussten uns bei der Ankunft alle nackt ausziehen wurden untersucht und mussten uns waschen. Wie sich dabei herausstellte hatte ich die Masern und wurde in ein Zimmer gesperrt, daß mit Bett, Tisch, 2 Stühle und ein Waschbecken ausgestattet war. Ich bekam Haferschleim und Kümmelbrot bestrichen mit Butter. Ich verbrachte dort gefühlte 2 Wochen. Was ich in dieser Zeit empfand, weiß ich heute nicht mehr denn den Schmerz habe ich wohl in mir verschlossen. Mein Bruder war in der Nähe und der Gedanke an Ihn, so habe ich immer geglaubt, hat mich zudieser Zeit gerettet. Aber er durfte nicht zu mir. Meine Erinnerung setzt wieder ein im Bett sitztend in einem großem Schlfsaal. Drei Schwestern in grauer Trach un weißen Haube stehen in der Tür und warnen uns davor noch einen Ton von uns zu geben denn sonst würde ma in den Ofen gesteckt und müsse verbrennen. Ich bin noch heute sicher ich war nicht schuldig und doch rissen Sie mich aus dem Bett und stecken mich in einen großen Wäschesack aus festen Stoff. Ich habe geschrien, getobt und getreten aber alles half nicht. Ich wurde in den Keller geschleppt im Todeskampf. Der Sack war schon ganz zerrissen doch ich sehe immer noch den großen schwarzen Ofen, die geöffnete Klappe und das lodernde Feuer vor mir. Ich hatte Todesangst denn ich war sicher, jetzt muss ich sterben. Mehr weiß ich nicht mehr. Erst heute wird mir bewusst welche Auswirkungen die Ereignisse auf mein spähteres Leben hatten und noch haben. Immer habe ich davon erzählt und nie bin auf den Gedanken gekommen das mein Leben nie zufrieden und glücklich war. In der Schule konnte ich nicht lernen hatte keine Freunde, war abhängig von meiner Mutter, war immer nervös und unruhig, krank, oft wütend, verletzt, kam mit Veränderungen nicht zurecht. Jede Belastung im Leben war und ist eine Toutur für mich und immer Angst. Die Liste lässt sich ellenlang fortsetzen. Für alles hatte ich eine Erklärung, habe andere Schuldige gefunden. Gesundheitlich geht es mir nicht gut und es ist mir bewusst geworden wie oft ich verletzt und mich verletzt gefühlt habe und das Leiden geht weiter. Ich denke, so richtig kann mich keiner begreifen. Ich möchte meinen Kinder helfen, ein zufriedenes Leben zu führen, weil ich glaube ich habe dazu beitragen, daß auch Sie viele meiner schlechten Eigenschaften übernommen haben und wir hatten uns von einander entfernt. Ich denke Sie sind das Beste von mir, doch ich will helfen und weiß nicht wie. Ich hoffe darauf eine Antwort zu bekommen.

  • Bevor der Aufenthalt in meiner Hölle begann, war ich ein glücklicheres keines 6 jähriges
    Mädchen. Mein Bruder 11 Jahre und ich wurden 1962 nach Bad Reichenhall verschickt. Ein 6 wöchiger Aufenthalt der mir mein ganzes Leben in Erinnerung geblieben und mein Leben, wie ich erst jetzt weiß, verändert hat. Ich lese so viel von ehemaligen Heimkindern aber für mich haben diese 6 Wochen gereicht. Wir mussten uns bei der Ankunft alle nackt ausziehen wurden untersucht und mussten uns waschen. Wie sich dabei herausstellte hatte ich die
    Masern und wurde in ein Zimmer gesperrt, daß mit Bett, Tisch, 2 Stühle und ein Waschbecken ausgestattet war. Ich bekam Haferschleim und Kümmelbrot bestrichen mit Butter. Ich verbrachte dort gefühlte 2 Wochen. Was ich in dieser Zeit empfand, weiß ich heute nicht mehr denn den Schmerz habe ich wohl in mir verschlossen. Mein Bruder war in der Nähe und der Gedanke an Ihn, so habe ich immer geglaubt, hat mich zudieser Zeit
    gerettet. Aber er durfte nicht zu mir. Meine Erinnerung setzt wieder ein im Bett sitztend in einem großem Schlafsaal. Drei Schwestern in grauer Trach un weißen Haube stehen in der Tür und warnen uns davor noch einen Ton von uns zu geben denn sonst würde derjenige in den Ofen gesteckt und müsse verbrennen. Ich bin noch heute sicher ich war nicht schuldig und doch rissen Sie mich aus dem Bett und stecken mich in einen großen Wäschesack aus
    festen Stoff. Ich habe geschrien, getobt und getreten aber alles half nicht. Ich wurde in den
    Keller geschleppt im Todeskampf. Der Sack war schon ganz zerrissen doch ich sehe immer noch den großen schwarzen Ofen, die geöffnete Klappe und das lodernde Feuer vor mir. Ich hatte Todesangst denn ich war sicher, jetzt muss ich sterben. Mehr weiß ich nicht mehr. Erst heute wird mir bewusst welche Auswirkungen die Ereignisse auf mein spähteres Leben
    hatten und noch haben. Immer habe ich davon erzählt und nie bin auf den Gedanken gekommen das mein Leben selten zufrieden und glücklich war. In der Schule konnte ich nicht lernen hatte keine Freunde, war abhängig von meiner Mutter, war immer nervös und unruhig, krank, oft wütend, verletzt, kam mit Veränderungen nicht zurecht. Jede Belastung im Leben war und ist eine Toutur für mich und immer Angst. Die Liste lässt sich ellenlang fortsetzen.
    Für alles hatte ich eine Erklärung, habe andere Schuldige gefunden. Gesundheitlich geht es mir nicht gut und es ist mir bewusst geworden wie oft ich verletzt und mich verletzt gefühlt habe und das Leiden geht weiter. Ich denke, so richtig kann mich keiner begreifen. Ich möchte meinen Kinder helfen, ein zufriedenes Leben zu führen, weil ich glaube ich habe dazu beitragen, daß auch Sie viele meiner schlechten Eigenschaften übernommen haben und wir hatten uns von einander entfernt. Ich denke Sie sind das Beste von mir, doch ich will helfen und weiß nicht wie. Ich hoffe darauf eine Antwort zu bekommen.

  • Micha sagt:

    Hallo, auch ich bin damals mit 3 Jahren „verschickt“ worden nach Bad Salzuflen, weil ich zunehmen sollte. Ich hatte noch nie solches Heimweh!!! Tagelang habe ich geweint, aber Schwester Gerda sagte es würde kein Zug in den Norden fahren. Dann bekamen wir alle die Windpocken. Wir schliefen auch in einem großen Schlafsaal mit weißen Gitterbetten. Bei den Bettnässern wurden Strumpfhosen an die Gitterstäbe gebunden. Zum Einpudern gegen die Windpocken mussten wir uns alle nackt in unseren Betten aufstellen. Als wir wieder gesund waren durften wir tagsüber in einen großen Raum an Tischen sitzen,wo sich Spielzeug befand. Schwester Gerda saß an ihrem Pult und kümmerte sich nicht um uns. Sie bekam nicht einmal mit, dass ich ein Holzhaus von einem Monopoly Spiel verschluckte. Dass wir überhaupt einmal draußen waren erinnere ich nicht. Als ich mit dem Zug zu Hause ankam erkannte ich meine damals 1 jährige Schwester nicht. Meine Mutter weinte. Zugenommen hatte ich nicht. Jahre später fand ich Briefe von Schwester Gerda ,in denen Sie meinen Eltern schrieb wie toll ich es fand auf der Kur. Bis heute war ich nie wieder in Bad Salzuflen und werde auch nie wieder in diesen schrecklichen Ort zurückkehren. Vielen Dank an die schreckliche Schwester Gerda!!!!!!

  • Andreas sagt:

    Ich war als Fünfjähriger zur Verschickung sechs Wochen 1965 nach FÖHR.
    Ich musste mit, damit mein Cousin, der angeblich Lungenprobleme hatte nicht so allein war.
    Es war der Horror – vor allem wegen des Heimwehs.
    Ich habe selbst drei KInder und hätte sie niemals alleine sechs Wochen auf eine Insel geschickt.
    Es gab keinen Kontakt nach Hause oder zu Verwandten/Bekannten.
    Aus Sicherheitsgründen hat mein Gehirn die Erinnerungen wahrscheinlich abgeschaltet. So kann ich mich nur noch stückweise erinnern.
    An den Schlafsaal mit den hölzernen Betten und der angeordneten Mittagspause. Es herrschte immer ein kühler, liebloser Ton.
    Die einzige Postkarte, die ich erhielt, wurde von einer strengen Erzieherin vorgelesen, ich durfte die Karte aber nicht behalten.
    Noch heute, wenn ich im Frühling die Nordseeluft rieche oder den Geruch von Feuersteinen in der Nase habe, kommt diese Erinnerung zurück. Durch drei Therapieverläufe wurde es zwar besser, aber es geht wohl nie weg.
    Wir haben auch versucht zu flüchten, aber bekamen wohl nicht mit, dass es sich um eine Insel handelte.
    Noch heute kann ich nicht dorthin fahren – und wenn, kommt das Erlebte zurück bzw. es ist immer vorhanden.
    Ich weiß noch, dass dort ein fieser dünner Frieseur war, zu dem man alle zwei oder drei Wochen musste und der beim Haareschneiden ruppig war.
    Und die Duschen, wo man nackt herumlaufen musste, was ja normal ist, aber als verstörter Fünfjähriger empfand man das noch schlimm.
    Insgesamt muss ich sagen, dass der allerschlimmste Gedanke (auch in den Therapien) immer war:
    „Warum um Himmels Willen habt ihr mich einfach so weggeschickt – ohne Grund – “
    Was ihr mir damit angetan habt – Das habe ich nie verstanden.

  • Uli Thiel sagt:

    Hallo Frau Röhl,
    alles was vorher beschrieben wurde von den Betroffenen kann ich bestätigen.Ich war 5 Monate in Kur im Schwarzwald Kinderheilstätte Stieg Albruck.Die letzten 2 Jahre sind bei mir Verlustängste ,seelische Schmerzen wie ich sie nur aus dieser Zeit kenne und unbändige Wut hervorgetreten.Es kann doch nicht sein das dieser Albtraum solange anhält.Nach 55 Jahren muss es doch verarbeitet sein

  • Astrid sagt:

    Im Zuge meiner Traumatherapie bin ich auf diese Seite gestoßen.
    Ich war 1974, mit 4 Jahren auch auf einer Kinderverschickung. Leider habe ich nur sehr wage Eckdaten. Viel mehr trage ich Erinnerungsblitze und schmerzliche und quälende Emotionen diesbezüglich mit mir.
    Ich wurde in den Schwarzwald, nach/ um Freudenstadt verschickt.
    Es gab dort Ordensschwestern.
    Winterzeit ( Schnee ).
    Brachiale Dusch- und Waschrituale.
    Keinerlei Bezugspunkte, außer andere Kinder.
    Essensaufnahme unter Folteranwendung.
    Ich war dort krank, Masern od. Windpocken? Musste bei einer Ordensschwester auf ihrer Zelle sitzen.
    Telefonat am Ankunftsabend mit der Mutter zu Hause und meiner Frage nach dem „Warum“.
    Vernichtendes Heimweh und unglaubliche Einsamkeit.

    Da ich den Kontakt zu meiner Ursprungsfamilie ( Mutter ) komplett abgebrochen habe, versuche ich nun über meinen Bruder ( Kontakt besteht ) an Eckdaten zu kommen.

    Mein Transport ging von Hagen / NRW mit der Eisenbahn, wie gesagt in den Schwarzwald.

    Ich bin sehr an dieser Thematik und weiterer Aufklärung dieser Verbrechen interessiert.

  • Anke sagt:

    Hallo, ich bin 1964 mit 6 Jahren auf Wangerogge gewesen und ich kann kaum da drüber. schreiben was mir da alles passiert ist. Mein ganzes Leben besteht nur aus Angst. Habe mich nie davon erholt. L.g. Anke

  • Andrea Eberwien sagt:

    Hallo, meine Eltern haben mich vermutlich 1969 oder 1970 für 6 Wochen nach Borkum geschickt. Leider habe ich keine genauen Zeitangaben, mein Vater sagt, die Krankenkassenunterlagen habe er weggeschmissen. Also es war noch vor der meiner Schulzeit, für 6 Wochen mit vielen fremden Menschen (nur Mädchen? und Erzieherinnen) zusammen. Auf den Fotos haben wir Mützen auf, vielleicht war es im Frühjahr. Ich habe es nicht verstanden, warum meine Eltern mich weggeschickt haben, ich hatte Heimweh. habe nur diffuse Erinnerungen an Mittagsschlaf und Spiele mit den anderen Mädchen. Wir haben auch viel gesungen, das war für mich schön. An das Essen kann ich mich nicht erinnern, aber ich war oft alleine und habe mich mit den anderen Kindern nicht immer gut verstanden. Mit einer Magen-Darm-Infektion habe ich eine Woche isoliert auf der Krankenstation gelegen. An den Geruch und die wütend das Bettzeug wechselnde Schwester kann ich mich erinnern. Einmal in der Woche sind wir gewogen worden. Es ist wie ein dichter Nebel, der die Erinnerung überdeckt.
    Ich bin auf diese Seite gestossen, weil ich Infos für ein paar Tage Urlaub auf der Insel einholen wollte. Ich würde gerne mehr wissen über die Zeit dort als kleines Kind. Aber es macht mich auch sehr, sehr traurig.
    Ich habe noch alte SW-Fotos, die auf Anfrage verschicken kann-sind ja auch Menschen drauf die ich nicht um Erlaubnis fragen kann.
    Frau Röhr, vielen Dank für ihre Aufklärungsarbeit.

  • anna sagt:

    Sehr geehrte Frau Röhl,
    ich freue mich, diese Seite gefunden zu haben und möchte gerne mit meinen Erinnerungen dazu beitragen, dass lose Enden verknüpft werden können.
    Der Begriff „Allerheiligen“-Caritasheim war lange Jahre mit viel Wut verbunden. Tief im Schwarzwald in der Nähe von Freudenstadt, immer noch die vorhandenen früheren Kinderhäuser-inzwischen Tagungshäuser. Beim Betrachten der aktuellen Bilder auf der EOS-Homepage wurde mir deutlich, wie groß das Heimweh, die Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit dort war.
    1968 entschied unser Hausarzt,dass ein Aufenthalt im Caritasheim in Allerheiligen angebracht wäre. Völlig gesund , mit Namensschild um den Hals ,von einer Caritasbetreuerin per Zug aus ganz Deutschland Richtung Schwarzwald gekarrt. Getrennt nach Junge und Mädchen in die beiden Häuser kaserniert und alles was wir wussten war, dass wir in 6 Wochen wieder nach Hause dürften.
    Hauptziel war „zunehmen“ – Griesbrei,Haferbrei, roter Tee- buchstäblich bis zum Erbrechen.
    Ein Zwillingspaar aus Düsseldorf hatte große Probleme die Hafersuppe zum Frühstück zu essen, musste Strafsitzen vor dem Teller, erbrach sich, weiter sitzen, der Teller wurde neu gefüllt und so ging es immer weiter bis das Mittagessen kam…Ein mahnendes Beispiel an alle anderen Kinder und heute noch spüre ich die Ohnmacht, damals nicht helfen zu können.
    Wöchentlich wurde gewogen, bestraft bei „Nichtzunahme“. Die Stirn wurde mit Schwung gegen die Standwaage geknallt- somit wusste jeder, was er nächste Woche zu bringen hatte.
    Zwangsschlafen nach dem Mittagessen, völlig unausgelastet,da wir uns kaum bewegen, spielen, toben konnten.
    Es gab/gibt eine kleine Kapelle ,Maria Goretti war abgebildet und wurde uns Mädchen als verklärtes Vorbild präsentiert. Die Möglichkeit der Beichte wurde schnell als einzige Möglichkeit erkannt „Freigang“ zu bekommen. Ich habe mir Sünden zusammengelogen, damit ich etwas zu beichten hatte…aber es war ein kleiner Spaziergang ,weg vom Heim.
    Während der 6 Wochen erkrankte ich – sehr hohes Fieber, vermutlich Mandelentzündung,ganz sicher aber,schlimmstes Heimweh.Ich lag gefühlt 10 Tage völlig alleine auf der Krankenstation und bekam zur Beschäftigung Gebete und Durchschlagpausen von Arztberichten,die ich auf andere Freiflächen mit dem Fingernagel durchdrücken durfte.
    Einmal am Tag eine portugisische? Reinigungskraft ohne Sprachmöglichkeit 3 x Haferschleim und eine Verlassenheit, von der ich als Kind wirklich dachte, dass sie nie wieder aufhört.
    Meine Mutter wurde von meiner Erkrankung nicht informiert( das ergab sich aus dem Rückkehrschreiben).
    Rückblickend waren wir eine Gruppe von verstörten, verängstigten, verlassenen Kindern-ich glaube nicht, dass eine dabei war,die diese Zeit als „schön“ erlebt hat.
    Es gab eine gute Seele in diesem Heim-ein Fräulein Himmelsbach.Freundlich, tröstend und gelächelt hat sie auch.
    Nach 6 Wochen war der Spuk vorbei-Abreise,ein Hinweis im Gepäck,dass mir bei Ankunft zu Hause der Kopf gründlich zu waschen sei…ich war völlig verlaust,der Rest im Zug somit auch.Kein Wunder, denn einmal in der Woche ein Wannenbad (mit mehreren in der Wanne), ALLE !! Kinder mit einem Kamm gekämmt..das hinterlässt Spuren.
    Meine ganze Familie hatte dann Läuse und die Nachbehandlung des Kopfes und die darüber geäußerten Kommentare liessen ein fröhliches „Willkommen“ zu Hause ganz schnell sehr klein werden.
    _____________________________

    Zufall…am Wochenende war ich in der Nähe von Allerheiligen, Gedanken,Gefühle brachen wieder durch,Recherche nach den Häusern und die Bilder der Innenräume- hier jetzt noch meine Erinnerungen..ich werde diesen Ort nochmals aufsuchen ,mich auf ihn einlassen und das Gefühl der Wut und Ohnmacht vielleicht geklärter erleben können.
    Tatsächlich hat sich dies wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen-Unrecht erleben,hilflos sein und die Erkenntnis,dass dort ein Grund dafür schlummert.
    Ich wünsche allen von damals: Freude am JETZT und hoffentlich Wohltat beim Lesen der Texte- das Gefühl der damaligen Einsamkeit wurde bei mir dadurch besser.
    DAS wünsche ich ALLEN die damals „VERSCHICKT“ wurden.
    Anna (Annegret)

  • anna sagt:

    Hallo Frau Röhl,
    ich habe noch ein Gruppenbild von April 1968.Wie kann ich es auf diese Seite hochladen?

  • Thomas Hary sagt:

    Hallo Frau Röhl, ich wurde zum ersten Mal im Alter von 5 Jahren für 5 Wochen in ein Kinder-„Erholungs“-Heim in Braunlage verschickt (Name nicht mehr erinnerlich). Meine einzigen Erinnerungen daran sind: Nur der Gestank von angebrannter Milchsuppe, und daß ich wohl 5 Wochen lang durchgeheult habe. Bei Rückkehr, auf dem Bahnhof meiner Heimatstadt, wurde mir später berichtet, soll ich blicklos an meiner Mutter vorbeigerannt sein, ohne sie zu erkennen. – Zum zweiten Mal wurde ich mit 11 Jahren 1962 verschickt – nach Langeoog, ans „Haus Hapke“. Bereits bei Ankunft auf dem Inselbahnhof wurden wir, eine, in Erwartung wunderschöner Ferien am Meer fröhlich schnatternde Kindergruppe, von den uns erwartenden „Tanten“ im Kasernenhofton bösartig angeherrscht, in Zweierreihe Aufstellung zu nehmen, augenblicklich zu SCHWEIGEN, andernfalls, wer auch nur EINEN Laut von sich gebe, „ohne Essen ins Bett“ geschickt werde. Das ergab dann einen endlos scheinenden Gänsemarsch schockierten, eisigen Schweigens durch den ganzen Inselort. – Ansonsten war alles wie bei den meisten anderen hier Berichtenden: Das Essen war ekelhaft – am klebrigsten blieben die Haferflocken voller, Übelkeit erregender, Spelzen und die steinharten Kartoffeln in Erinnerung, an denen sich regelmäßig die Gabelzinken verbogen. Den Rest des Fraßes habe ich offenbar verdrängt. Jedenfalls hat es Jahre gedauert, bis mir Essen überhaupt wieder ein genußfähiger Vorgang war. – Wer bei Tisch, auch nur EIN Wort sprechend, „erwischt“ wurde, hatte in einem stockfinsteren Verschlag (ohne Fenster oder irgendeine andere Art Beleuchtung – in der Ecke stapelten sich große Papiersäcke mit besagten widerlichen Haferflocken, was man aber nur beim Hinein – bzw. Hinausgeführtwerden wahrnehmen konnte) STEHEND weiter zu essen. Allgemein herrschte das Klima eines selbstgefälligen Sadismus seitens der, zumeist noch relativ jungen, „Tanten“. Geschlagen wurde gern; und ein Junge, der sich im Schlaf offenbar immer wieder eingenäßt und mehr als einen nassen Schlafanzug aus Angst unter der Matratze versteckt hatte, bekam die vollgepißten Textilien bei Entdeckung vor aller Augen um die Ohren geschlagen, verbunden mit der Aufforderung an uns: „Jetzt lacht ihn alle aber mal richtig aus!“ – Während der mittäglichen Zwangs-Schlafperiode spielten einige Mitsträflinge, die natürlich um diese Zeit NICHT schlafen konnten, Karten: Es erschien die alte Hapke SELBER, prügelte mit einem Latschen ausnahmslos JEDEN systematisch durch – Spieler wie Nicht-Spieler. Danach ward nicht mehr Karten gespielt. – Post wurde selbstverständlich kontrolliert – eingehende wie ausgehende. Wer etwas verfaßt hatte, das für den Geschmack der Damen offenbar zuviel Wahrheitsgehalt besaß, mußte alles „neu“ schreiben. – Stubenarrest (ganz – oder mehrtägig) für geringste „Vergehen“ wurde immer wieder verhängt. Am Übelsten erscheint mir noch heute das gezielte Gegeneinander – Ausspielen der Kinder durch die erwachsenen „Tanten“ in dieser grundsätzlichen Atmosphäre von Lieblosigkeit, allgemeiner Unterdrückung, Angst, und daraus resultierendem Opportunismus mit entsprechender „Hackordnung“. – Abends wurden wir manchmal noch in die Dünen geführt, zu irgendeinem Bombenkrater, in dem dann die jüngeren „Tanten“ mit „auserwählten“ 14 – 16 Jährigen, die insgesamt privilegierter waren, zärtlich sexueller Vor-Lust hingaben. Wobei wir „Kleinen“, vollkommen uns selbst überlassen, wie Zaungäste zuschauten oder herumbalgten – durchaus nicht moralisch schockiert, sondern eher pflichtschuldig uns „amüsiert“ gebend – und auch etwas neidisch. Das alles entsprach möglicherweise einer gewissen Vorstellung der Erzieherinnen von „Romantik“. Allerdings würde man jene Vorgänge im Juristendeutsch wohl inzwischen „Unzucht mit Abhängigen“ nennen. – Am Morgen der Abreise wurde mir, gerade erwachend, noch von einer jener liebesbereiten Damen eine meiner Hosen, die ich beim Packen am Vorabend, im bereits LEEREN Spind, um keinen Preis hatte finden können, unter Beschimpfungen mit Schwung genußvoll rechts und links um die Ohren gehauen – die „Tante“ hatte sie angeblich „gerade entdeckt“. – Als ich dann endlich – nach den endlosen 6 Wochen – wieder auf dem Fährschiff saß, entstand ganz bewußt, ganz kalt, mit voller Klarheit, plötzlich der Gedanke: „Jetzt fühle ich garnichts mehr.“ – Die Abschiedsworte übrigens, der so schlagend liebevollen „Tante“ an mich, waren sinngemäß: „WIR sind ja nun KEINE Freunde geworden.“ – – – Übrigens wurden wir alle, unter Androhung fürchterlichster Konsequenzen, vor der Heimreise dazu verdonnert, „unter keinen Umständen“ späterhin irgendetwas über unsere Erlebnisse auf der Insel, gegen wen auch immer, verlauten zu lassen. – Ich fürchte, wir alle haben uns bis zum heutigen Tage daran gehalten. – – – Als ich, mehr als 30 Jahre später, noch einmal vor jenem Haus stand, befiel mich eine Atemnot, die erst nach einem längeren Gang am Strand wieder losließ. Schon längst bin ich sicher, daß, unter anderem, mein „Erholungsaufenthalt“ im „Haus Hapke“ ein schweres, nachhaltiges Trauma zur Folge hatte.

  • Thomas Hary sagt:

    ps.: Alles von mir Berichtete ist natürlich bruchstückhaft erinnerlich, und nur kleine Teile des insgesamt Erinnerten kommt hier vor.

  • Thomas Hary sagt:

    Hier doch noch ein eher winziger Zwischenfall, aber evtl. geeignet, die latente Perfidie des „Systems Hapke“ zu illustrieren: Der routinemäßig vorgesehene Arzt war da, der, uns allen – die wir ja Gewicht zulegen und uns angeblich „mal so richtig gut erholen“ sollten – nacheinander den üblichen Holzspachtel auf die Zunge legend, jeden aufforderte, kurz „A“ zu sagen. Als die Anweisung an den Jungen vor mir erging, wollte ich dummerweise ausgerechnet in jenem Moment etwas ausnahmsweise Lustiges beitragen und rief meinerseits freudestrahlend „B“: Augenblicks hatte mich das Argusauge der danebenstehenden „Tante“ erfaßt (die ich übrigens bis dahin als die noch am ehesten menschenähnliche empfunden hatte). Sie schoß auf mich zu und zischte bitterböse: „Du meldest dich nachher bei mir“. – Mich selbst eben noch als geradezu unübertrefflich unterhaltsam und witzig wahrnehmend, stürzte ich ob der so überhaupt nicht heiteren Reaktion augenblicklich ins Bodenlose. Längst durch die Umgangsformen jenes Heims in den dort allgegenwärtigen Zustand latenter Furcht getrieben, schlich ich drei Tage lang herum, einerseits angstgeschüttelt, andrerseits verzweifelt hoffend, die vermeintlich gutmütige Person werde mein „Vergehen“ – mit einem Mindestmaß menschlicher Größe und Großzügigkeit – auf sich beruhen lassen. Aber besagte Dame war eine ERFAHRENE „Pädagogin“: Am VIERTEN Tag, als ich bereits wagen wollte, ganz leis aufzuatmen, schoß sie zielstrebig auf mich zu: „Du solltest dich doch bei mir melden?!“ – Im Innersten getroffen („Gottes Mühlen mahlen langsam, aber trefflich fein“, lautete die damals übliche, herzlos dumme Floskel), stammelte ich völlig aufgelöst und hochrot irgendeine läppische wie wirkungslose „Erklärung“. – Die Strafe: Ein ganztägiger Stubenarrest, der sich allerdings unwesentlich ausnimmt, neben der sorgfältig herbeigeführten, ungeheuerlichen Demütigung des elfjährigen Kindes. Besagte „Tante“ hatte eben NICHT „vergessen“, gar „verziehen“. Sie hatte ein SEHR gutes Gedächtnis – selbst gegenüber einem derart mikrobisch winzigen Kindes – „Vergehen“ – das in Wahrheit natürlich nicht einmal im Ansatz als „Vergehen“ gemeint gewesen war: NIEMAND sollte gestört, beleidigt, oder gar verletzt werden. Es war gehofft worden, daß evtl. wenigstens EINMAL in dieser Gruft gelacht werde – mittels eines allerdings, zugegebenermaßen, etwas arg schwachen „Witzes“. Meine damalige „Lehre“ aus jener, zum ganzen Elefanten angeschwollenen Mücke: „NIEMAND, nicht EIN Mensch in diesem Haus, ist im Geringsten „großzügig“ oder gar „groß“. Und damit lag ich wohl richtig. Es wurde, wie übrigens zumeist auch in der Schule, einfach nur die Methode der vollkommen lieblosen Schwarzen Pädagogik des Hinhaltens und präzisen Zugriffs im geeigneten Augenblick – wenn das Opfer sich fast schon in Sicherheit wähnt – gekonnt ausgeübt.

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