Anja Röhl

Verschickungsheime – Kinderkuren, Kindererholungsheime in den 50/60er Jahren

Verschickungen –

Kindererholung oder Arbeitsplatzsicherung für ehemalige NS-Landerziehungsstätten?

Ganz besonders Arbeiterkinder wurden in den 60er Jahren in der BRD zu Millionen in Kinderkuren gegeben, oft als  „Kassenverschickungen“ indem ein Arzt das Attest ausschrieb, es soll ein lukrativer Wirtschaftszweig gewesen sein. Die Krankenkasse bezahlte den „Erholungsaufenthalt“ . Viele dieser Kinder kamen schwer traumatisiert zurück.

Die Landerziehungsheime lagen abseits der Metropolen, vielfach in Wald- und Küstengebieten, sie waren unter den Nazis als paramilitärische Drillanstalten ausgebaut und eingerichtet worden, während des Krieges zur Evakuierung / Landverschickung genutzt worden und später noch eine Zeit lang für die 2 Millionen Kriegswaisen genutzt. Ab Ende der 50er Jahre scheint sich dann ein Mangel an Kindern eingestellt zu haben, so das es zu Werbekampagnen der Krankenkassen kam und diese an die Hausärzte in den Arbeiter- und kleinen Angestelltengebieten herantraten, doch von Krankheit bedrohte Kinder zu schicken.

kirchliche oder private Wohlfahrtsorganisationen übernahmen die Heime, die dann Kindern aufnahmen, deren Familien sich keinen Sommerurlaub mit ihren Kindern und frische Seeluft leisten konnten.

Die Verschickungsheime waren Häuser, in die Kinder ab dem 3./4. Lebensjahr allein „geschickt“ wurden, was man sich so vorstellen muss, dass sie allein für 6-8 Wochen fremden „Tanten“ ohne jede Eingewöhnung überlassen wurden, die oft mit 30-50 Kindern allein gelassen wurden und mittels Drohungen, schlechtem Essen, Isolationsstrafen, Demütigungen, Essen als Strafe, (brutale Einfütterung), Schlafstrafen oder -entzug, Ans-Bett-Fesseln, in den Waschraum sperren, Trennung von Geschwistern, Mund und Augen zukleben und vielem mehr „diszipliniert“ wurden.

Der Erholungswert dieser Kuren ist anzuzweifeln, es ist eher von massiver Traumatisierung auszugehen.  Die Kuren lagen grundsätzlich nicht in den Ferien, sondern wurden über das ganze Jahr verteilt, womit die Auslastung der Heime gleichmäßig erfolgte.

Der dadurch hervorgerufene Schulausfall wurde nicht ausgeglichen. Viele verloren damit schulisch den Anschluss oder mussten ein Jahr dranhängen oder ausfallen lassen.

Wer ist Betroffene oder Betroffener und interessiert sich für die Aufarbeitung der Situation in den sogenannten „Kur- und Kassenverschickungsheimen“,

Diese Opfer haben bisher keine öffentliche Stimme, ich stelle gerade Erlebnisse aus diesen Heimen zusammen. Ich beginne mit den kommentaren auf dieser Seite.  Wer will kann mir schreiben, wer will, kann besucht werden und mehr erzählen, meldet Euch mit euren Erlebnistexten oder zur Verabredung eines Interviews unter der Telefonnummer: 03361-3571776 oder unter der Postanschrift: A.Röhl, Uferstraße 92, 15517 Fürstenwalde/Spree. Ein öffentliches Symposium, zusammen mit dem Kinderschutzbund und Vertretern der ehemaligen Heimkinder ist in Vorbereitung.

Zum Einlesen: http://www.anjaroehl.de/wyk-auf-fohr-%E2%80%93-verschickung

Aktueller Artikel zum Thema:

https://www.tagesspiegel.de/politik/kindesmissbrauch-in-der-nachkriegszeit-ferienverschickung-vor-allem-tat-meist-das-heim-weh/22779554.html

Tipps für die eigene Recherche:

Projektstelle Archivrecherchen und historische Aufarbeitung der Heimerziehung 1949-1975

https://www.landesarchiv-bw.de/web/61032

Projektstelle Archivrecherchen und historische Aufarbeitung der Heimerziehung 1949-1975

!! Projekt läuft nur noch bis Ende 2018!!

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. II: Fachprogramme und Bildungsarbeit, Eugenstr.7, 70182 Stuttgart, Tel.: 0711 212 4272

HEIMVERZEICHNIS:

https://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/62617/Heimverzeichnis.pdf

Ehemalige Heimkinder können sich wenden an:

  1. A) Nora Wohlfarth M.A.

Projektbearbeiterin, Landesarchiv Baden-Württemberg, Olgastr.80, 70182 Stuttgart, Telefon: 0711/212- 4241

E-Mail:  nora.wohlfarth@la-bw.de

Ansprechpartner für:  „Heimerziehung zwischen 1949 und 1975 in Baden-Württemberg“

  1. B) Nastasja Pilz M.A.

Fax: 0711/212-4283

E-Mail:  nastasja.pilz@la-bw.de

Stellv. Ansprechpartnerin für:

„Heimerziehung zwischen 1949 und 1975 in Baden-Württemberg“

Homepage Landesarchiv Baden Württemberg: www.la-bw.de

Heimverzeichnis Baden-Württemberg

https://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/62617/Heimverzeichnis.pdf

Homepage Landesarchiv Baden Württemberg: www.la-bw.de

Anlauf– und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder (ABH). Zusätzlich hat das Sozialministerium Baden–Württemberg zusammen mit dem Landesarchiv Baden–Württemberg ab 1. Mai 2012 eine Stelle zu „Archivrecherchen und historischer Aufarbeitung der Heimerziehung. Aufarbeitung der Heimerziehung nach 1949.

Weiteres:

Die Wanderausstellung „Verwahrlost und gefährdet? in Baden-Württemberg 1949–1975“ ist seit Sommer 2015 an verschiedenen Stationen im Land zu sehen. Alle bisherigen und kommenden Stationen, den aktuellen Standort und das Begleitprogramm sind hier aufgeführt, ebenso auch alle Informationen zu der begleitend erschienen Publikation.

Kommentare

Es gibt 87 Kommentare für "Verschickungsheime – Kinderkuren, Kindererholungsheime in den 50/60er Jahren"

  • Marianne Vossoug sagt:

    Hallo, Frau Röhl,
    heute (9.7.18) las ich im Tagesspiegel einen Artikel von Caroline Fetscher zum Thema „Ferienverschickung…“ Auch ich habe mit 14 Jahren (1961) traumatische Erlebnisse im Kinderkurheim Cuxhaven-Duhnen, Wehrbergsweg 63, erlebt. Frau Hussmann war die Heimleiterin (ein Nazi-Weib im wahrsten Sinne des Wortes). Die Adresse hat sich aufgrund meiner negativen Erlebnisse in mein Gehirn eingeprägt! Heute bin ich 70….
    Falls erwünscht, könnte ich meine Erlebnissr ausführlicher darstellen.
    Gruß M. Vossoug

  • Stephan Hempel sagt:

    Ich war vermutlich 1965 als Vierjähriger(!) für 12 Wochen in einem Heim auf Norderney. Als Strafmaßnahmen sind mir in Erinnerung: Einsperren in einer dunklen Abstellkammer und Fesseln ans Bett nachts, da ich mich wegen Neurodermitis viel Kratzen musste. Meine Mutter wunderte sich über mein verstörtes Verhalten, als ich wieder nach Hause kam.
    LG Stephan Hempel

  • Kerstin Schatz sagt:

    Ich bin Jahrgang 62 und wurde ,weil ich immer dünn war, 2× für 6 Wochen noch vor Schuleintritt mit ca.5 Jahren verschickt.St.Peter-Ording und Bad Salzdetfurt . Es waren diese Erlebnisse ,wie Erbrochenes aufessen müssen, wieder zum Bettnässer werden , tagelanges nicht mit mir sprechen ,weil ich bestimmt was Dummes getan habe, mein liebevoll verpacktes Geburtstagsgeschenk von zu Hause wurde verteilt, man wurde zum Essen gezwungen ….Drohungen,Bestrafungen.Ich bin nicht daran zerbrochen. Ich habe es anders mit meinen Kindern gehandhabt, ich habe sie NIE gegen ihren Willen weggeschickt.Das sind Gefühle für ein Kind ,die starke körperliche und seelische Schmerzen verursachen.Als ich meinen Eltern von den Erlebnissen erzählte,wurde diese ungläubig abgetan“ na,da weißt du mal wie gut du es zu Hause hast. “ Das wollte ich hören! Heute ,gut 50 Jahre später,erzähle ich immernoch davon .Es existiert ein lustiges Faschingsbild der Gruppe aus Bad Salzdetfurth ,nur hat nie eine Party stattgefunden. Das Foto wurde für die Eltern gemacht,wie gut es uns doch geht..Aber was sollen die damals dafür Verantwortlichen zu Rechenschaft gezogen werden.Lernen wir daraus, machen es besser und ja, reden wir darüber.Wir sollten aber nicht in Selbstmitleid versinken .Mich hat es auch ein Stück weit trotzig gemacht.

  • Karin Kanitz sagt:

    Liebe Fr. Röhl,
    auch ich bin eingebranntes Kind gewesen und hatte 1962 und 1968 zweimal das „Vergnügen“, in einem „Erholungsheim“ jeweils für 6 Wochen untergebracht worden zu sein. Die Reisen waren von der Deutschen Post in Berlin organisiert und wurden für angehörige Kinder und Postangestellte zu günstigen Konditionen angeboten.
    Besonders Ziel dieser Reise war jeweils Gewichtszunahme sowie das Brechen junger Seelen. Die erste Reise, ich war gerade 5 Jahre alt, ging im Winter nach St. Peter Ording an der Nordsee. Es nannte sich „Kinder-Erholungsheim“.
    Ich kann mich an sehr viele Gegebenheiten erinnern. Oftmals habe ich die schrecklichen, traumatisierenden Dinge bis dahin verdrängt, indem ich glaubte, alles nur „geträumt“ zu haben. Nur meine 1 3/4 Jahre ältere Schwester holte mich immer wieder in die Realität zurück, indem wir oftmals unsere Erinnerung gemeinsam teilten (bis heute !)
    Auch eine zufällige Begegnung mit einem Studenten, der am gleichen Ort auch in sehr jungen Jahren 6 Wochen seines Lebens verbringen musste, bestätigte meine grässlichen Erinnerungen.
    Mittels Spiegelstrichen möchte ich Teile meines dortigen Aufenthaltes in Form eines Brainstormings beschreiben:
    -die dortigen „Erzieherinnen“ verlangten als „Tante“ angeredet zu werden.
    -jeden Morgen verpflichtend 2 tiefe Teller voll mit Haferschleim zu essen. Kein Brot
    -die Essenseinnahme wurde strengstens kontrolliert.
    -jeden Vormittag dasselbe Programm bei Wind und Winterwetter; stundenlange Spaziergänge
    -Mittagessen: Man wurde gezwungen, große Portionen einzunehmen, auch wenn man keinen Bedarf mehr hatte. man musste solange an seinem Platz sitzen, bis man seinen Teller geleert hatte.
    Toilettengang: Im direkten Anschluss an das Mittagessen, musste man in langen Schlangen vor den Toiletten anstehen. Eine „Tante“ teilte jeweils in rationierten Mengen Toilettenpapier zu. Da wir oftmals keinen Drang zur Notdurft hatten, schloss ich mich in der Toilettenkabine ein, um gemeinsam mit meiner Schwester zu weinen. Wir hatten nicht den Mut, den Toilettengang zu verweigern. Es war auch die einzige Chance, mal für ein paar Minuten unbeobachtet zu sein.
    -Mittagsruhe: Danach wurde eine 2-stündige Mittagsruhe verordnet. In dieser Zeit war es verboten, den Schlafsaal zu verlassen (ca. 10 Mädchen pro Saal). Also war es auch nicht möglich, nach Bedarf die Toilette aufzusuchen. Auch ein Nachttopf wurde am Nachmittag nicht bereitgestellt.
    -Imbiss: Direkt nach dem Mittagsschlaf wurden Brote mit Pflaumenmus verteilt. Wer keinen Appetit hatte, wurde bestraft.
    -Post: Jeden Tag wurde die Post (heißersehnt) verteilt. Kinder, die keine Post erhielten, wurden nicht getröstet, sondern in ihrer Enttäuschung ignoriert.
    -Briefe an die Eltern: Von uns geschriebene Briefe wurden seitens der „Tanten“ kontrolliert. Es durfte nichts Negatives geschrieben werden, ansonsten mussten wir erneut Texte verfassen. (Ich war noch zu jung, um zu schreiben. Ich malte Bilder an die Eltern in der Hoffnung, von den „Tanten“ gelobt zu werden.
    -Nachtruhe: Auch in der Nacht war es verboten, das Bett zu verlassen. Es wurde in den Schlafsaal (ca. 10 Kinder) ein Nachttopf zur Verfügung gestellt.
    Sollte man nach Mitternacht einen Drang zum Urinieren gehabt haben, musste man, um an den bereits übergelaufenen Topf zu kommen, durch erkaltete Urinlachen laufen (stets von der Panik begleitet, andere Exkremente zu verlieren). Deswegen ist es mir einmal passiert, dass ich in die Hose machte und am nächsten Tag wurde ich von den „Tanten“ offiziell ausgelacht und mit den Worten bedacht: „Seht her, wir haben einen kleinen Hosenscheißer unter uns ! “ Der verschmutzte Schlafanzug wurde den anderen Kindern gezeigt, was eine große Peinlichkeit bei mir auslöste.

    „Erholungsreise“ 1968 nach Lenggries (Oberbayern)
    Leider habe ich nicht so viele Erinnerungen an diesen Aufenthalt. Bruchstückhaft kann ich mich nur erinnern:
    -da ich zu der jüngeren Gruppe gehörte, wurde ich nachts räumlich von meiner Schwester getrennt. Weil ich protestierte und weinte, gab man meinem Wunsch nach, mit meiner Schwester in einem Raum zu schlafen. Bei mir waren allerdings die Betten kürzer, sodass meine Schwester 6 Wochen lang in einem viel zu kurzen Bett schlafen musste.
    -Briefe: Da mein Vater von den Briefkontrollen wusste, hatte er bei der Reise nach Lenggries die raffinierte Idee, die Briefe mit Nadelstichen (Note 1 bis 6; 1 Stich bis 6 Stiche) zu versehen. Natürlich stachen wir jeweils 6 Nadelstiche, bei jedem Brief !
    Allerdings reagierten unsere Eltern nicht !
    -Heimreise/Ankunft: Meine Mutter und ich können uns ungenau daran erinnern, wie ich mich beim Wiedersehen in ihre Arme stürzte und endlos lange weinte.

  • Jeanette Schirrmann sagt:

    Zwischen 3-6 war ich verschickt 1970-74 ich habe es positiv in Erinnerung …..doch mit dem Aufessen und vor die Tür stellen sowie mittagsschlafenzwang……kann ich mich auch noch gut daran erinnern…..wir waren mit Sparten täglich am Strand und hatten ein sehr konservativen Rhythmus ….schlimmer fand ich die verschickungsreisen nach Holland zu den Pflegeeltern und später in Hausbesetzerzeiten unter der Jugendhilfe in der linken…..in Berlin West.
    Heimkind aus dem Fond,natürlich arbeite ich an meinen Buch und Theater sowie aufarbeitung Berlin West mit den Minderheitenschutz für die West Berliner Insulanerkinder und unsere Neue Freie Volksbühne Berlin West.
    Wir sind Generationsübergreifende Heimkinder in unsere Familie und meine Kinder haben im übrigen heute auch noch solche Erfahrungen machen dürfen.

    Betroffene

    Bühnenbildnerin

    Tischlerin
    Mutter von der Baustelle.

    Jeanette Schirrmann

    „Elitärer Sonderschulabgang 1985

    Heimleitung Berlin West in Selbstverwaltung“

    Ständige Vertretung Berlin West

    „Schülerschule-Drugstore SSB e.v/SFE/Rauchhaus….
    TKS-Theaterkommuneschirrmann e.v……“

  • anja sagt:

    Danke!!! Unsere Erinnerungen können vielleicht helfen die Zukunft besser zu machen
    Grüße

  • Simona Moore sagt:

    Wir sind nicht allein! Das dachte ich im ersten Moment, als ich den Artikel über die Verschickungen gelesen hab.

    Auch ich wurde verschickt, allerdings erst 1972, da war ich 9 Jahre alt. Es war das Haus Quisisana in Sankt Peter Ording. 6 schlimme Woche, nie vergessen, haben mich geprägt, aber auch im positiven Sinne. Auf dieser Verschickung habe ich mir geschworen, ich werde selbst Erzieherin, weil ich wollte, dass Kindern so etwas erspart wird.

    Es wurde schon so einiges genannt, was in den Heimen getrieben wurde. Hier meine Erlebnisse:

    Wir mussten uns direkt nach der Ankunft komplett nackt ausziehen, in einem großen Raum mit lauter anderen nackten Neuankömmligen in eine Schlange stellen. Wir wurden dann von einem Arzt untersucht, ob wir was Ansteckendes haben. Eine Schwester kämmte allen Kindern mit einem Läusekamm die trockenen Haare durch. Ich hatte Locken. Das tat weh.

    Nachts durften wir nicht mehr auf Toilette gehen. Wer nachts musste, musste in einen Topf der unterm Bett stand pullern! Wir waren drei Mädchen im Alter von 9-11 Jahre. Da ist es einem peinlich vor anderen Leuten in den Topf zu machen.

    Briefe wurden kontrolliert, wenn was falsches drin stand, zum Beispiel, dass man abgeholt werden möchte, wurden sie vor den Kindern zerrissen und in den Müll geworfen.

    Zum Essen mussten wir uns alle am Tisch versammeln und erst einmal so lange stehen und leise sein, bis einer lachen musste oder den Stuhl scharrte. Derjenige wurde dann ohne Essen ins Bett geschickt. Ich konnte mich auch einmal nicht beherrschen und musste losprusten. Also ab ins Bett, ohne Essen.

    Ein krankes Mädchen sollte einen Grießbrei essen. Ihr war schlecht, sie hatte einen Magendarm-Virus, wie nach und nach alle Kinder. Die Tante schrie das Mädchen an sie würde die Eltern anrufen, wenn sie nicht aufessen würde und ihnen sagen wie unartig sie ist. Dann müsse sie noch länger hier bleiben! Sie wurde nicht getröstet, weil sie krank war, sie wurde angeschrien! Das muss man sich mal vorstellen!

    Ich bekam diesen Virus auch und musste mich übergeben. Da wir am anderen Ende des Flures unser Zimmer hatten, habe ich es nicht bis zur Toilette geschafft und auf dem Weg mehrere Pfützen hinterlassen. Ich war fix und fertig, eben krank! Da kam die „Tante“ mit dem Wischlappen und einem Eimer, gab ihn mir in die Hand und dann sollte ich meinen Dreck schön selbst aufwischen. Sie stand wie ein Wärter hinter mir und sagte mir wo ich noch besser wischen soll. Ich konnte gar nicht richtig sehen was ich dort tat, weil mir die Tränen die Augen vertrübten.

    Ich kann mich nur an einen Spaziergang erinnern. Aber das war nur marschieren, nicht wie man sich einen Kinderspaziergang vorstellt. Zu zweit in Reih und Glied. Soviel zu Seeluft schnuppern!

    Wir hatten eine Praktikantin in der Zeit, die hieß Frauke. Die war so lieb und hat uns so gut es ging geholfen. Sie sollte in mein Poesiealbum reinschreiben. Leider sah eine von den fiesen Tanten als sie es mir zurückgeben wollte und nahm mein Buch und schrieb ohne mein Einverständnis in das Buch und gab es mir erst kurz vor der Abfahrt wieder.

    Das war 1972. In einem liebevoll geführten Kinderheim!

    Nach der Fahrt wurden alle Kinder interviewt. Ich weiss nicht von wem die Leute waren, jedenfalls waren es die Erzieher die uns abgeholt haben und wieder nach Hause gebracht haben, mit der Bahn. Da kam so einiges raus. Ich weiss aber nicht, ob das zur Schließung oder zu Verbesserungen führte. Aber zumindest waren damals schon ein paar Leute an der Misere dran.

  • anja sagt:

    Ich habe diesen Kommentar jetzt schon mehrfach freigeschaltet, wie kann das sein? Haben Sie es mehrmals geschickt? Wie kommen Sie auf die Idee, dass es auf dieser Seite nicht erwünscht sei, Heime positiv zu beurteilen? Was kann ich für die Langlebigkeit trauriger Kindheitserinnerungen? Sicher haben manche Menschen auch positive Erlebnisse in den Heimen gemacht, so wie sie, diejenigen scheinen aber in erheblicher Minderheit zu sein, was doch sehr traurig ist. Ich habe hier keinen Kommentar zensiert!

  • anja sagt:

    Das ist unbedingt erwünscht, ich sammele diese Kommentare, gern können Sie sie mir hier auf die Seite, oder auch per mail schicken: anjairinaroehl@gmail.com, ich würde mich freuen, wenn ich Sie dazu einmal besuchen und interviewen dürfte, es dauert bloß noch, weil es enorm viele sind, die hier kommentieren und ich alles gut und datenschutzrechtlich abgesichtert ordnen möchte. Dann werde ich auch noch Interviewanfragen verschicken

  • anja sagt:

    Danke für Ihren erschütternden Bericht! alles, was Sie beschreiben, haben viele andere auch so oder ähnlich erlebt. Es gehört an die Öffentlichkeit, und es waren keine Einzelfälle, sondern eine bestimmte Tendenz in der damaligen Pädagogik, zu der heute schon wieder aufgerufen wird, das darf sich aber nie wiederholen, unsere Aufgabe ist es, diese Erinnerungen für die Zukunft zu erhalten, so dass sich ein Bewusstsein erhält: Uns ist Unrecht getan worden! Kinder darf man so nicht behandeln! Das sind so schwere psychische Belastungen, unter denen steht dann der sich noch entwickelnde Mensch, eine schwere Bürde, die nicht selten zu schweren Persönlichkeitsstörungen und lebenslangem Selbstwertverlust geführt haben. Unschuldig! Das muss gesagt werden. Diese Kinder hatten nichts, aber auch gar nichts verbrochen, sie sollten sogar eine gesundheitliche Erholung erleben! Eltern glaubten massenhaft, ihren Kindern Gutes anzutun!

  • Gabriele Mahlke-Riedel sagt:

    Hallo zusammen,

    Ich heiße Gaby und bin jetzt 59 Jahre alt.Ich komme gerade von einem bewusst unternommen Besuch der Insel Föhr , in der Hoffnung das Kinderheim wieder zu finden im das ich Mitte der 1960 Jahre 6 Wochen zum Aufpäppeln verschickt wurde. Ich war damals ca.5-6Jahre alt. Mir wurde dieses Ansinnen damals in der Mütterberatung sehr schmackhaft gemacht: viele Kinder, Strand und Meer. Ich weiß noch wie heute, wie ich am Bahnhof Altona in Hamburg von meiner Mutter alleine in den Zug gesetzt wurde, nur mit einem Zettel um den Hals, wo es mit mir hingehen sollte. Ich kam aber erstmal gar nicht auf Föhr an sondern mit einem Pulk von Kindern auf Amrum ….erinnern tu ich mich u.a. auch noch an die großen Waschräume , dass ein Mädchen unserer Gruppe dort auch regelmäßig hinschiss und es immer wieder selbst beseitigen musste, die Arme.
    Das Heim wieder zu finden war nicht schwer. Ich erkannte es sofort an seinen hohen Fenstern,dem roten Backstein und dem erdrückenden, beklemmenden Gefühl, dass mich sofort übermannte, als ich Kinder dort krakelen hörte. Ich schaffte es auch nicht, das „ehrenwerte Haus“ zu betreten. Es hätte mich erstickt. Und dass noch nach so vielen Jahren und 4 Therapien später..
    Ich habe mir dass alles also wohl nicht eingebildet-so schließe ich aus den gelesenen Schicksalsberichten eurer seits.
    Vielen Dank für`lesen
    eine Überlebende

  • Wolfgang Nickl sagt:

    Hallo zusammen,
    mein Name ist Wolfgang und ich bin mittlerweile 62 Jahre alt. Ich habe einen Bericht ueber friesische Inseln gesehen und mich an den Aufenthalt in Wyk auf Foehr erinnert. Dann habe ich ein wenig recherchiert und bin zufaellig auf diesen Artikel gestossen. Ich war wie Gabi, auch in dem gleichen Zeitraum auf Foehr in dem Heim zum ,Aufpeppeln,.
    Kann mich auch novh an diverse gute und schlechte Dinge erinnern, wobei die schlechten weit ueberwiegen.
    Schlechtes Essen(angebrannte Milchsuppe mit Schaumkloesschen zum Fruehstueck), der Toilettengang, eingesperrt werden, selbstreinigen der Waesche , und die Maersche am Strand sind mir noch in Erinnerung.
    Gutes waren die Inland Landgaenge bei denen man die Kaninchen und Hasen beobachten konnte, und die abendliche gruselgeschichte die der Gruppe vorgelesen wurde.
    ich wuerde diese Statte auch gerne nochmals aufsuchen, weis aber ueberhaupt nicht mehr wo sie sich befindet. Vielleicht kann mich Gabi ja mal anschreiben, wenn sie moechte.
    Bis dann
    Wolfgang

  • Christoph sagt:

    Ende der sechziger Jahre war ich im Herbst mit etwa neun Jahren in einem Kinderheim in der Röhn nahe der Wasserkuppe. Ich sollte kräftiger, widerstandsfähiger werden und vor allem zunehmen.
    Es gab im Vorfeld eine Kleiderliste was wir von zu Hause mitzubringen hatten z.B.. Anorak, kurze Lederhosen, kurze Turnhose, Kniestrümpfe, Pullover, Gummistiefel. Alles musste mit einem Namensschild versehen sein. Bei der Ankunft und nach der Zuteilung des Vierbettzimmers wurde von der Erzieherin alles das weggeschlossen, was sie für unpassend hielt. Warme Sachen u. lange Hosen waren unerwünscht, da wir ja gesund abgehärtet werden sollten. Es musste das getragen werden was die Erzieherin bereit legte. Die kurze Lederhose war Pflicht, wobei das einzige Zugeständnis an kühlen Tagen Kniestrümpfe waren.
    Wenn man den Anweisungen nicht folgte, setze es eine schallende Ohrfeige.
    Was wir zu essen bekamen kann ich mich nicht mehr erinnern. Morgens waren es wohl Brotscheiben mit Vierfruchtmarmelade und Milch mit Kakau.
    Täglich mussten Wanderungen und Sport in der Turnhalle gemacht werden. Beim Sport durften wir nur kurze Turnhosen tragen sonst nichts. Wir mussten mit dem Medizinball eine Art Ball über die Schnur spielen, was eine völlige Überforderung war. Wenn man den Ball fing knallte man unwillkürlich auf den Holzboden und holte sich blaue Flecken.
    Morgens hatte es gelegentlich schon Frost, für die täglichen Märsche durch den Wald und im Gelände waren wir viel zu dünn angezogen und mussten oft frieren. Da ich keine Wanderstiefel hatte musste ich die Gummistiefel tragen. Die waren nicht gefüttert und ich hatte neben kalten nackten Beinen auch noch eiskalte Zehen.
    Mein Zimmergenosse erkältete sich so, dass er wochenlang im Krankenzimmer war.
    Es kam auch ein Arzt, dem wir einzeln vorgeführt wurden und uns dabei nackt ausziehen mussten.
    Briefe wurden von der Erzieherin durchgelesen bevor sie abgeschickt werden durften – es durfte nichts negatives berichtet werden, sondern nur wie schön alles sei.
    Nachts bekamen wir Besuch von älteren Jungen, die sich gegenüber den Erziehern andienten für Ordnung zu sorgen. Sie versuchten die Jüngeren mit Schlägen einzuschüchtern und hatten ihren Spaß daran, Willkür auszuüben.
    Ich habe damals auch gegenüber meinen Eltern nie die wahren Begebenheiten berichtet, da sie glaubten ich hätte dort eine schöne Zeit gehabt.

  • anja sagt:

    …was wieder einmal zeigt, dass schmerzhafte und demütigende Erlebnisse von den Kindern oft ihren Eltern nicht erzählt werden. Eine Sache, der man psychologisch nicht genug Aufmerksamkeit widmen kann.

  • Christina Schneider sagt:

    Ich bin auf diese Seite gestoßen, weil ich im Rahmen einer Psychoanalyse gerade mein Leben verarbeite.
    Ich bin Jahrgang 1962 und wurde im Alter von ca. 5 Jahren, für 6 Wochen, zur Erholung nach Bad Salzdetfurth geschickt. Dies lief über die Post, bei der meine Mutter angestellt war. Ich habe leider kaum eine Erinnerung an diese Zeit. Ich weiß nur noch, dass ich sehr gelitten habe. Gibt es hier jemanden, der über die Zustände zwischen 1967 und 1968 berichten kann. Ich würde mich gern erinnern, um zu verarbeiten.

  • Ute Hirsch sagt:

    Hallo,
    seit Jahren versuche ich schon aus eigener Betroffenenheit hierzu zu recherchieren. Ich war für 6 Wochen in Bad Sooden-Allendorf Jan./Feb.1963 im Alter von 6 Jahren. Iniziiert wurde das von der ‚Postgewerkschaft‘. Danach war ich gebrochen an Leib und Seele. Ich kam abgemagert, mit einer doppelseitigen, verschleppten Mittelohrentzündung und traumatisiert zurück. Und meine Eltern haben das Drama verleugnet, gerade auch vor sich selbst, obwohl das Heim in den nächsten Jahren wegen Auffälligkeiten geschlossen wurde. Trotz meiner Psycho-Therapie im Erwachsenenalter, die teilweise geholfen hat, bleibt etwas, was nicht reparabel ist und Teile meines Lebens immer noch beherrscht: Panik bei bestimmten Geräuschen, morgens starr und verkrampft bis zur Bewegungslosigkeit aufwachen o.ä.
    Es ist eine Geschichte, die ich gerne erzählen würde.

  • anja sagt:

    Wärest du auch zu einem persönlichen Interview bereit? Es ist so wichtig, dass wir, die wir viel erinnern, denjenigen von uns helfen, die keine oder nur verschwommene Erinnerungen haben, deshalb die Idee dieses Blogs, eines bundesweiten Kongresses zu dem Thema, und dann mglw. die eines Buches, melde dich über meine mailadresse, liegt unter Impressum auf dieser Seite,
    Grüße, Anja

  • anja sagt:

    Bisher war kein Verschickungskind aus Bad Salzdethfurth, aber es soll zu einem bundesweiten Kongress zu diesem Thema 2019 kommen, da werden wir öffentlich aufrufen, und uns dann auch nach den Heimadressen sortieren, so dass es leicht ist, betroffene aus demselben Heim zu finden

  • Christina Schneider sagt:

    Hallo Anja, in dem Beitrag von Kerstin Schatz, am 10. Juli 2018, wird das Haus in Bad Salzdetfurth, kurz erwähnt. Ich habe im Internet ein Foto vom Waldhaus gesehen und es sofort wiedererkannt.

  • Christina Schneider sagt:

    Ich melde mich auf jeden Fall per Mail bei dir !

    Bis dahin liebe Grüße…

  • Ute Hirsch sagt:

    Hallo Anja,
    ich wäre gerne zu einem persönlichen Interview bereit! Die weitere Vorgehensweise können wir persönlich besprechen. Wenn Du mir an meine Mail-Adresse direkt schreibst, teile ich Dir auch gerne meine Telefon-Nummer mit.
    Liebe Grüße
    Ute Hirsch

  • anja sagt:

    Danke, das ist sehr gut, wir freuen uns, ich bin dran, es dauert alles etwas.Danke für den Kommentar und an alle die hier kommentieren! Es bleibt nichts ungelesen und unbeachtet!

  • anja sagt:

    Stimmt, ich bin noch dabei zu sortieren, und Statistik zu machen, danke für den Hinweis!

  • Andreas Brenckmann sagt:

    Hallo,
    Ich war ca. 1967/1968 für 6 Wochen zur ‚Erholung‘ in einem Heim in
    Berchtesgaden. Mir fehlt jegliche Erinnerungen daran. Aufgrund meiner Angststörung und Depressionen vermute ich jedoch, dass die Bedingungen dort neben der Zumutung, die das Ganze sowieso bedeutete, nicht gut waren. Weiss man über dieses Heim etwas?

  • Gaby Mahlke-Riedel sagt:

    Hallo Wolfgang,

    Unser Kinderheim wird jetzt von der Rudolf Ballin-Stiftung geführt.

    Adresse:
    Hamburger Kinder Jugend Haus
    Wyk auf Föhr
    Sandwall 78

    direkt hinter der Promenade am Ende der Touristenmeile. Vom Hafen aus, vom Schiff kommend, nach links halten…

    Wenn du den Strandabschnitt siehst und das Haus hinter den Hecken , weißt du es sofort, denn auch dein inneres Kind hält wahrscheinlich vor Schreck die Luft an.

    LG Gaby

  • Kirschgarten sagt:

    Hallo, ich bin Tochter einer ehemaligen aus dem
    Sonnleiten. Meine Mama verstarb leider plötzlich doch ich möchte ihr Leben erforschen. Bitte wer in sonnleiten war oder Fotos hat (muss so 1968-75 grob gewesen sein) , ich bin sehr interessiert. Danke

  • anja sagt:

    sorry, hatte ich übersehen
    Grüße

  • anja sagt:

    Hallo lieber Andreas, niemand kümmert sich bisher um diese Verschickungsheime, es gibt keine Aufarbeitungsstelle oder Sammelstelle für diese Erfahrungen oder Nachforschungen, ich versuche hier aus den bisher über 100 Kommentatoren meiner Seite eine Liste von Betroffenen zu erstellen, sowie die Beiträge zu sammeln, daher kann ich dir noch nichts sagen über andere Betroffene. Ich möchte das Ganze aber in die Öffentlichkeit bringen, so dass wir größere Aufrufe starten können, dann ergibt sich vielleicht etwas, dass du andere kennenlernen kannst, die auch dorthin verschickt waren. In der Regel waren fast alle Erfahrungen damals ähnlich schlimm, positive Kommentare bekomme ich meist von damals Älteren und solchen, die in Gewerkschaftsheimen waren oder besonders Glück gehabt haben mit ihrem Heim, Du bekommst Post von mir, bitte habe nur etwas Geduld, es ist auch ein Buch geplant, dauert aber alles

  • Andreas Brenckmann sagt:

    Hallo Anja,
    Danke für die Antwort.
    Ich habe nochmal recherchiert: bei mir die Verschickung Ende 1968 als 5- jähriger.
    Das Heim war in Bayerisch Gmain (also wohl nicht in Berchtesgaden aber im Landkreis Berchtesgadener Land). Habe tatsächlich 0- Erinnerung!!
    Vielleicht gibt’s ja jemand, der um die Zeit auch in Bayerisch- Gmain war?
    Danke für deinen Einsatz!

  • Andreas Brenckmann sagt:

    Hallo,
    Möglicherweise war ich in dem von Frau Rosa Brandt beschriebenen Heim Sonnleiten in Bayerisch Gmain, es war Ende 1968.
    Ich war 5 Jahre alt und habe keinerlei Erinnerung.
    Meine langjährige Angst- und Depressionsproblematik ergibt die Vermutung, dass ich in Bayerisch Gmain keine gute Zeit gehabt haben könnte.
    Weiß man, wie lange es dieses Heim gab?
    Für Fotos wäre ich sehr dankbar!

  • Christoph Ickert sagt:

    Ich war ca. 1968 in Bayrisch Gmain im Haus Sonnleitn. Habe auch noch Fotos, die ich zur Verfügung stellen könnte.
    Bitte um Anfragen mit Mailadressen.

  • Sabine Schwemm sagt:

    Hallo Anja,
    ich bin auch betroffen, ich war als kleines Kind im Waldhaus in Bad Salzdetfurth, es war für mich ein zutiefst traumatisches Erlebnis. Ich sende Dir meine Erinnerungen per Mail. @Christina Schneider, ich würde gerne Kontakt zu Dir aufnehmen! Sabine

  • Christine Gäbel sagt:

    Hallo, irgendwie tröstlich, eure Erfahrungsberichte zu lesen. Fast so, als wäre man nicht mehr allein damit, obwohl man doch so allein war!
    Ich wurde 1968 im Alter von 4 Jahren nach Langeoog geschickt, als moralische Unterstützung meines 6jährigen Bruders, der im Gegensatz zu mir schüchtern und ängstlich war, ein “ schlechter Esser“ zudem. Ich erinnere mich, dass ich etwas stolz war, als „Kleine“ auf meinen großen Bruder aufpassen zu dürfen.
    Wenn ich an das kleine Mädchen denke, welches ich damals war, möchte ich es in den Arm nehmen, mitnehmen, es beschützen!
    Ich habe keine Erinnerung an die Hinfahrt, an andere Kinder, an die Tanten. Meine erste Erinnerung gilt einer Situation beim Essen: Graupensuppe
    Ich kannte keine Graupen, es schmeckte schrecklich, doch ich wurde gezwungen, einen zweiten Teller zu essen. Die Erinnerung an den Geschmack, an den Löffel in der Hand fehlt, ich weiß nur, dass ich mich im Speisesaal erbrach. Über die Schuhe, die Kleidung der Tante, die wohl dicht neben mir gestanden hatte, das Erbrochene klatschte auf den Boden und spritzte weit, alle schrien : Iiiih.
    Meine nächste Erinnerung gilt dem Schlafsaal, ein für mich riesiger Saal, mein Bett stand weit entfernt vom Fenster an einer Wand, der Bettbezug war weiß, ich kann mich an den steifen, harten Stoff erinnern, kann ihn beinah noch spüren.
    Ich lag in diesem Bett, tagein, tagaus. Als Strafe? War ich krank? Ich muss Fieber gehabt haben, ich hatte Träume. Die Bettdecke wurde eine weiße Felsenlandschaft, ich war winzig klein und konnte nicht vorankommen. Ich rutschte ab, fiel tief und tiefer, versank immer und das Weiß der Landschaft blendete.
    Ab und an war die Felsenlandschaft, in der ich umherirrte auch schwarz, unheimlich, ich konnte nichts sehen und hatte große Angst.
    Möglicherweise Tag und Nacht?
    Ich lag in diesem Bett, ab und zu schaute eine Frau in den Schlafsaal, weit entfernt stand sie in der Tür, mit einer weißen Schürze. Die Köchin, die nach mir sah? Ich glaube mich an die Worte erinnern zu können: Ich muss doch für die Kinder kochen, meine Kleine.
    Ich war den ganzen Tag allein, manchmal standen Kinder in sicherem Abstand vor meinem Bett und kicherten.
    Irgendwann erinnerte ich mich an meinen Bruder, fragte wohl nach ihm. Erst glaubte man mir den Bruder nicht, doch einmal stand er vor mir, sagte etwas, dann ging er wieder.
    Ich vergaß wer und wo ich war, ich war gar nicht mehr da…
    Irgendwann sagte man mir, alle würden jetzt nach Hause fahren, zur Mutti. ( Die Verschickung dauerte 6 Wochen)
    Ich erinnere mich, mich auf der Heimfahrt im Zug übergeben zu haben ( Hatte man mir zu essen gegeben, damit ich nicht so schwach war?) Die Tante hat so geschimpft, sie war außer sich, mit Papiertüchern musste ich beim Saubermachen helfen, ich erinnere mich an den Gestank, an die Schreie der Kinder, die sich angeekelt abwandten.
    Dann wurde ich auf einen Bahnsteig geschoben, ich höre noch: Nun geh schon, da ist deine Mama.
    Ich sah sie tatsächlich, ich ging auf sie zu. Ein ausgestreckter Arm, ein Zeigefinger, ihre Worte: Geh zurück, du hast dich noch nicht bei den Tanten bedankt!
    Ich kann mich erinnern, was mir durch den Kopf ging: Meine wirkliche Mutter kommt bestimmt noch!

    Soweit meine Erinnerungen…

  • Viola Lohse sagt:

    Hallo,
    endlich !!!! habe ich unter dem Stichwort „Verschickungsheim“ etwas über meine Pein im Jahre 1967 gefunden.
    Ich möchte sehr gern meine Geschichte erzählen und endlich Gehör finden.
    Ich war vom Januar bis Mitte Februar in Berchtesgaden, also für 6 Wochen in Kinderkur und erlebte dort so einiges – ich war 5. Wahrscheinlich hat sich vieles erlebtes bis heute festgebissen. Wäre schön wieder von Ihnen zu hören, lesen.

  • anja sagt:

    Ich bin grade krank, melde mich per mail, dauert aber etwas, da ich hier jetzt schon ein Projekt habe, das auf über 100 Leute angewachsen ist. Nichts wird vergessen, ich sortiere und ordne und dann melde ich mich ausführlicher

    Grüße
    Anja Röhl

  • Christina Schneider sagt:

    @ Sabine Schwemm
    Ich freue mich von Dir zu lesen und
    auf eine Nachricht von Dir an :
    schneiderc62@gmx.de

  • Andreas Brenckmann sagt:

    Hallo Christoph Ickert,
    Die Fotos vom Haus Sonnleiten würden mich interessieren..
    Email: ap.brenckmann@t-online.de
    Schöne Grüsse und Danke
    Andreas Brenckmann

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