Anja Röhl

Verschickungsheime

Verschickungen –

Das war nach 1945 der Sammelbegriff für das Verbringen von Klein- und Schulkindern, wegen gesundheitlicher Probleme in  Kinderkuren, Kindererholungsheime und -stätten in den 50/60/70er bis in die 80/90er Jahre. Die Kleinkinder wurden allein und in Sammeltransporten dorthin „verschickt“.   

Vorläufer waren die Kinderlandverschickungen in der Weimarer Republik und unter den Nazis. Die „Verschickungen“ werden häufig als traumatisierend erinnert.

Aktuelles:

KONGRESS  „Verschickungskinder“

Öffentlicher Kongress zur Aufarbeitung des Elends der „Verschickungskinder“ in den 50/60/70/bis 80er Jahren auf den nordfriesischen Inseln und in ganz Deutschland

Wo:

Gebäude Alte Post, Stephanstraße 6, in 25980 Sylt/ OT Westerland

Wann:

Am 21./24.11.19 November 2019 (21.11. ist Anreise-, 24. ist Abreisetag)

Wir bedanken uns sehr bei der Gemeinde Westerland/Sylt! Sie hat uns einen Tagungsraum für 60 Personen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Das Bürgermeisteramt von Sylt möchte sich an der Aufarbeitung dieses Kapitel ihrer und unserer Geschichte aktiv beteiligen !

Ziel des Kongresses ist es, eine Öffentlichkeit zu diesem verdrängten Kapitel in der Geschichte der Nachkriegs-Bundesrepublik herzustellen, einen öffentlichen Diskurs anzustoßen und bei den Kinderkurkliniken das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass das nie wieder geschehen darf, dass man so mit Kindern, die einer Institution, ohne Eltern anvertraut werden, umgehen darf. 

Aktueller Artikel zum Thema:

https://www.nw.de/lokal/bielefeld/mitte/22506900_Bielefelder-berichtet-von-Horror-Erlebnissen-im-Kurheim-der-Stadt.html

Anmeldung bitte unter: anjairinaroehl@gmail.com

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War die „Verschickung“ eine Kindererholung?

Ganz besonders Arbeiterkinder wurden in den 60er Jahren in der BRD zu Millionen in Kinderkuren gegeben, oft als  „Kassenverschickungen“ indem ein Arzt das Attest ausschrieb. Die Krankenkassen bezahlten den „Erholungsaufenthalt“ .  Jedoch viele dieser Kinder kamen traumatisiert zurück.

Die Landerholungs- und Kurkinderheime lagen abseits der Metropolen, vielfach in Wald- und Küstengebieten, dort waren auch schon unter den Nazis Landerholungsstätten (oft paramilitärische Drillanstalten) gewesen und dienten während des Krieges zur Evakuierung / Landverschickung.  Später dienten sie noch eine Zeit lang der Versorgung und Unterbringung von den 2 Millionen Kriegswaisen.

Nach 1945 wurden manche dieser Kindererholungsheime /Landverschickungsheime  von den Kassen übernommen, andere von den Kirchen, andere von privat. Ende der 50er Jahre muss es zu Werbekampagnen der Krankenkassen gekommen sein, die an die Hausärzte in den Arbeiter- und kleinen Angestelltengebieten herantraten, doch unbedingt möglichst viele Kinder zu schicken.

Es kam ab den 60er Jahren zu einem Boom von Verschickungen.

Bronchitis, Über- oder Untergewicht, zu dünn, zu dick, zu blass, es reichten Kleinigkeiten aus, dass den Eltern geraten wurde, ihre Kinder zu „verschicken“. Was so geschah, dass man sie ab frühestem Alter allein in einen Zug setzte. Geraten wurde, den Kindern nichts davon zu erzählen, dass sie allein fahren müssten, um das „Heimweh“ zu vermindern. Das Alleingelassenwerden wurde damals nicht thematisiert.

Krankenkassen warben mit frischer Seeluft

Sie rieten besonders diejenigen Kinder aufzunehmen, deren Familien sich keinen Sommerurlaub mit ihren Kindern und frische Seeluft leisten konnten.

Essen als Strafe

Die „Verschickungsheime“, wie sie genannt wurden, waren Häuser, in die Kinder ab frühestem Alter, ab dem 2./3./4. Lebensjahr allein „geschickt“ wurden,  6-8 Wochen lang,  fremden „Tanten“ ohne jede Eingewöhnung überlassen. Diese wurden 30-50 Kindern zugeordnet und versuchten mittels Drohungen, schlechtem Essen, Isolationsstrafen, Demütigungen, Essen als Strafe, (brutale Einfütterung), Schlafstrafen oder -entzug, Ans-Bett-Fesseln, in den Waschraum sperren, Trennung von Geschwistern, Mund und Augen zukleben und vielem mehr „duchzukommen“.

Einerseits waren die Erzieherinnen, Pflegerinnen und Hilfskräfte überfordert, andererseits waren sie noch unter der Ideologie der Nazi-Pädagogik, der Erziehungsprinzipien Hitlers, die da lauteten: „Nur das Starke hat das Recht zu existieren – Das Schwache muss ausgemerzt werden“ erzogen und ausgebildet worden.

Der Erholungswert dieser Kuren ist im Nachhinein stark anzuzweifeln, es ist von massiver Traumatisierung auszugehen.  Es melden sich täglich mehr Augenzeugen, die von Erlebnissen berichten, die heute als schwere Kindesmisshandlung gelten.

Schulausfall wurde nicht ausgeglichen

Die Kuren lagen grundsätzlich nicht in den Ferien, sondern wurden über das ganze Jahr verteilt, womit die Auslastung der Heime gleichmäßig erfolgte. Der dadurch hervorgerufene Schulausfall wurde meist nicht ausgeglichen. Viele verloren damit schulisch den Anschluss oder mussten ein Jahr dranhängen oder ausfallen lassen. Oft wurden die Kinder aber vor dem Schuleintritt in diese Heime gegeben. Die jüngsten waren 2 Jahre alt, sie reisten meist mit älteren Geschwistern, von denen sie aber sofort bei Eintritt des Heimes getrennt wurden. Ab 4 Jahre(!) reisten die Kinder ganz allein.

Wer ist Betroffene oder Betroffener ?

Diese Opfer haben bisher keine öffentliche Stimme, das soll nun anders werden, deshalb der Kongress, zu dem auch pädagogische Referenten eingeladen sind. Ein Vorbereitungstreffen wird im Sommer in Berlin stattfinden.

Vertiefungsinterviews

Ich mache Vertiefungsinterviews für ein Buchprojekt. Wer will kann mir schreiben, wer will, kann besucht werden und mehr erzählen, meldet Euch mit euren Erlebnistexten oder zur Verabredung eines Interviews unter der Telefonnummer: 0176-24324947, oder unter der Postanschrift: A.Röhl, Uferstraße 92, 15517 Fürstenwalde/Spree.

Legt Zeugnis ab!

Wer hier auf der Seite seine Erlebnisse hineinschreibt, legt Zeugnis ab und hilft mit, dass wir Glaubwürdigkeit bekommen und unsere Erlebnisse nicht als Einzelfälle verharmlost werden können. Ich danke allen, die hier schreiben!

Zum Einlesen: http://www.anjaroehl.de/wyk-auf-fohr-%E2%80%93-verschickung

Aktueller Artikel zum Thema:

https://www.tagesspiegel.de/politik/kindesmissbrauch-in-der-nachkriegszeit-ferienverschickung-vor-allem-tat-meist-das-heim-weh/22779554.html

Wir arbeiten daran, dass Betroffene miteinander ins Gespräch kommen können: Dazu haben wir einen Sammelbrief erarbeitet, in dem Ihr einer Freigabe eurer Daten an diejenigen abgebt, die mit euch zusammen im selben Heim waren. Mit einer mail an die u.a. Mailadresse könnt Ihr diesen Brief anfordern. Auf dem Kongress wollen wir auch Vernetzungsgruppen bilden, so dass sich Recherchegruppen zu den einzelnen Verschickungsheimen bilden können. .

Antworten auf Kommentare: Ich kann leider nicht auf Eure Kommentare antworten, da es zu viele geworden sind. Ich antworte nur ab und an persönlich, bitte darüber nicht sauer sein. Ich schreibe aber ab und an Sammelmails an alle, die hier kommentieren, natürlich mit verdecktem Verteiler. Es ist jetzt schon eine Arbeit geworden, für die es ein Büro und einen Haufen Mitarbeiterinnen bräuchte.

Recherche: Es gab bzgl. der Heimkinder der Fürsorgeanstalten ab 2012 eine Projektstelle Archivrecherchen und historische Aufarbeitung der Heimerziehung 1949-1975, Dies ist leider nur in Baden- Würtemberg und auch 2018 ausgelaufen

https://www.landesarchiv-bw.de/web/61032

Sie nannte sich:  Projektstelle Archivrecherchen und historische Aufarbeitung der Heimerziehung 1949-1975 im Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. II: Fachprogramme und Bildungsarbeit, Eugenstr.7, 70182 Stuttgart, Tel.: 0711 212 4272

Dort gab es ein allgemeines Fürsorge-HEIMVERZEICHNIS:  https://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/62617/Heimverzeichnis.pdf

Da sind zT auch Kinderheilstätten dabei. Eine eigene Recherchestelle müssen wir als Verschickungskinder aktuell fordern.

Hier ist ein heutiges Kinderkurheimverzeichnis: https://www.kinder-und-jugendreha-im-netz.de/reha-kliniken-fuer-kinder-jugendliche/

Die meisten heutigen Kinderheilstätten schreiben in Ihren Broschüren über ihre Geschichte nur Gutes, sie loben die Gründer, die Erzieherinnen und Schwestern, es gibt in keiner auch nur ein einziges Wort über die Tatsache, dass und wie Kinder dort seinerzeit gelitten haben. Aufgabe unsererseits könnte sein, unsere Augenzeugenberichte zu sammeln und sie an alle Kinderheilstätten mit der Bitte um Einarbeitung in ihre geschichtlichen Rückblicke zu schicken.

Unter Kinderlandverschickung findet man bei Wikipedia einen absolut die NS-Zeit verharmlosenden Beitrag, ohne jeden Bezug zum Leiden der Kinder und zum erklärten Ziel der Nazis, alle Kinder mit Gewalt zu bedingungslosem Gehorsam zu drillen, durch Angst zu verstören, durch Tötungsrituale für den Krieg auszubilden, ich empfehle dazu den Film Napola

Die Verschickungen in den 50/60/70er Jahren bis in die 80/90er Jahre hinein müssen gründlich erforscht, ihre Geschichte muss aufgearbeitet werden, das Leiden der damaligen Kinder darf nicht vergessen sein, die Praxis dieser Heime darf weder verharmlost, noch irgendwie, auch nur in der kleinsten Andeutung in ähnlicher Weise fortgeführt werden!

Kommentare

Es gibt 174 Kommentare für "Verschickungsheime"

  • Marianne Vossoug sagt:

    Hallo, Frau Röhl,
    heute (9.7.18) las ich im Tagesspiegel einen Artikel von Caroline Fetscher zum Thema „Ferienverschickung…“ Auch ich habe mit 14 Jahren (1961) traumatische Erlebnisse im Kinderkurheim Cuxhaven-Duhnen, Wehrbergsweg 63, erlebt. Frau Hussmann war die Heimleiterin (ein Nazi-Weib im wahrsten Sinne des Wortes). Die Adresse hat sich aufgrund meiner negativen Erlebnisse in mein Gehirn eingeprägt! Heute bin ich 70….
    Falls erwünscht, könnte ich meine Erlebnissr ausführlicher darstellen.
    Gruß M. Vossoug

  • Stephan Hempel sagt:

    Ich war vermutlich 1965 als Vierjähriger(!) für 12 Wochen in einem Heim auf Norderney. Als Strafmaßnahmen sind mir in Erinnerung: Einsperren in einer dunklen Abstellkammer und Fesseln ans Bett nachts, da ich mich wegen Neurodermitis viel Kratzen musste. Meine Mutter wunderte sich über mein verstörtes Verhalten, als ich wieder nach Hause kam.
    LG Stephan Hempel

  • Kerstin Schatz sagt:

    Ich bin Jahrgang 62 und wurde ,weil ich immer dünn war, 2× für 6 Wochen noch vor Schuleintritt mit ca.5 Jahren verschickt.St.Peter-Ording und Bad Salzdetfurt . Es waren diese Erlebnisse ,wie Erbrochenes aufessen müssen, wieder zum Bettnässer werden , tagelanges nicht mit mir sprechen ,weil ich bestimmt was Dummes getan habe, mein liebevoll verpacktes Geburtstagsgeschenk von zu Hause wurde verteilt, man wurde zum Essen gezwungen ….Drohungen,Bestrafungen.Ich bin nicht daran zerbrochen. Ich habe es anders mit meinen Kindern gehandhabt, ich habe sie NIE gegen ihren Willen weggeschickt.Das sind Gefühle für ein Kind ,die starke körperliche und seelische Schmerzen verursachen.Als ich meinen Eltern von den Erlebnissen erzählte,wurde diese ungläubig abgetan“ na,da weißt du mal wie gut du es zu Hause hast. “ Das wollte ich hören! Heute ,gut 50 Jahre später,erzähle ich immernoch davon .Es existiert ein lustiges Faschingsbild der Gruppe aus Bad Salzdetfurth ,nur hat nie eine Party stattgefunden. Das Foto wurde für die Eltern gemacht,wie gut es uns doch geht..Aber was sollen die damals dafür Verantwortlichen zu Rechenschaft gezogen werden.Lernen wir daraus, machen es besser und ja, reden wir darüber.Wir sollten aber nicht in Selbstmitleid versinken .Mich hat es auch ein Stück weit trotzig gemacht.

  • Karin Kanitz sagt:

    Liebe Fr. Röhl,
    auch ich bin eingebranntes Kind gewesen und hatte 1962 und 1968 zweimal das „Vergnügen“, in einem „Erholungsheim“ jeweils für 6 Wochen untergebracht worden zu sein. Die Reisen waren von der Deutschen Post in Berlin organisiert und wurden für angehörige Kinder und Postangestellte zu günstigen Konditionen angeboten.
    Besonders Ziel dieser Reise war jeweils Gewichtszunahme sowie das Brechen junger Seelen. Die erste Reise, ich war gerade 5 Jahre alt, ging im Winter nach St. Peter Ording an der Nordsee. Es nannte sich „Kinder-Erholungsheim“.
    Ich kann mich an sehr viele Gegebenheiten erinnern. Oftmals habe ich die schrecklichen, traumatisierenden Dinge bis dahin verdrängt, indem ich glaubte, alles nur „geträumt“ zu haben. Nur meine 1 3/4 Jahre ältere Schwester holte mich immer wieder in die Realität zurück, indem wir oftmals unsere Erinnerung gemeinsam teilten (bis heute !)
    Auch eine zufällige Begegnung mit einem Studenten, der am gleichen Ort auch in sehr jungen Jahren 6 Wochen seines Lebens verbringen musste, bestätigte meine grässlichen Erinnerungen.
    Mittels Spiegelstrichen möchte ich Teile meines dortigen Aufenthaltes in Form eines Brainstormings beschreiben:
    -die dortigen „Erzieherinnen“ verlangten als „Tante“ angeredet zu werden.
    -jeden Morgen verpflichtend 2 tiefe Teller voll mit Haferschleim zu essen. Kein Brot
    -die Essenseinnahme wurde strengstens kontrolliert.
    -jeden Vormittag dasselbe Programm bei Wind und Winterwetter; stundenlange Spaziergänge
    -Mittagessen: Man wurde gezwungen, große Portionen einzunehmen, auch wenn man keinen Bedarf mehr hatte. man musste solange an seinem Platz sitzen, bis man seinen Teller geleert hatte.
    Toilettengang: Im direkten Anschluss an das Mittagessen, musste man in langen Schlangen vor den Toiletten anstehen. Eine „Tante“ teilte jeweils in rationierten Mengen Toilettenpapier zu. Da wir oftmals keinen Drang zur Notdurft hatten, schloss ich mich in der Toilettenkabine ein, um gemeinsam mit meiner Schwester zu weinen. Wir hatten nicht den Mut, den Toilettengang zu verweigern. Es war auch die einzige Chance, mal für ein paar Minuten unbeobachtet zu sein.
    -Mittagsruhe: Danach wurde eine 2-stündige Mittagsruhe verordnet. In dieser Zeit war es verboten, den Schlafsaal zu verlassen (ca. 10 Mädchen pro Saal). Also war es auch nicht möglich, nach Bedarf die Toilette aufzusuchen. Auch ein Nachttopf wurde am Nachmittag nicht bereitgestellt.
    -Imbiss: Direkt nach dem Mittagsschlaf wurden Brote mit Pflaumenmus verteilt. Wer keinen Appetit hatte, wurde bestraft.
    -Post: Jeden Tag wurde die Post (heißersehnt) verteilt. Kinder, die keine Post erhielten, wurden nicht getröstet, sondern in ihrer Enttäuschung ignoriert.
    -Briefe an die Eltern: Von uns geschriebene Briefe wurden seitens der „Tanten“ kontrolliert. Es durfte nichts Negatives geschrieben werden, ansonsten mussten wir erneut Texte verfassen. (Ich war noch zu jung, um zu schreiben. Ich malte Bilder an die Eltern in der Hoffnung, von den „Tanten“ gelobt zu werden.
    -Nachtruhe: Auch in der Nacht war es verboten, das Bett zu verlassen. Es wurde in den Schlafsaal (ca. 10 Kinder) ein Nachttopf zur Verfügung gestellt.
    Sollte man nach Mitternacht einen Drang zum Urinieren gehabt haben, musste man, um an den bereits übergelaufenen Topf zu kommen, durch erkaltete Urinlachen laufen (stets von der Panik begleitet, andere Exkremente zu verlieren). Deswegen ist es mir einmal passiert, dass ich in die Hose machte und am nächsten Tag wurde ich von den „Tanten“ offiziell ausgelacht und mit den Worten bedacht: „Seht her, wir haben einen kleinen Hosenscheißer unter uns ! “ Der verschmutzte Schlafanzug wurde den anderen Kindern gezeigt, was eine große Peinlichkeit bei mir auslöste.

    „Erholungsreise“ 1968 nach Lenggries (Oberbayern)
    Leider habe ich nicht so viele Erinnerungen an diesen Aufenthalt. Bruchstückhaft kann ich mich nur erinnern:
    -da ich zu der jüngeren Gruppe gehörte, wurde ich nachts räumlich von meiner Schwester getrennt. Weil ich protestierte und weinte, gab man meinem Wunsch nach, mit meiner Schwester in einem Raum zu schlafen. Bei mir waren allerdings die Betten kürzer, sodass meine Schwester 6 Wochen lang in einem viel zu kurzen Bett schlafen musste.
    -Briefe: Da mein Vater von den Briefkontrollen wusste, hatte er bei der Reise nach Lenggries die raffinierte Idee, die Briefe mit Nadelstichen (Note 1 bis 6; 1 Stich bis 6 Stiche) zu versehen. Natürlich stachen wir jeweils 6 Nadelstiche, bei jedem Brief !
    Allerdings reagierten unsere Eltern nicht !
    -Heimreise/Ankunft: Meine Mutter und ich können uns ungenau daran erinnern, wie ich mich beim Wiedersehen in ihre Arme stürzte und endlos lange weinte.

  • Jeanette Schirrmann sagt:

    Zwischen 3-6 war ich verschickt 1970-74 ich habe es positiv in Erinnerung …..doch mit dem Aufessen und vor die Tür stellen sowie mittagsschlafenzwang……kann ich mich auch noch gut daran erinnern…..wir waren mit Sparten täglich am Strand und hatten ein sehr konservativen Rhythmus ….schlimmer fand ich die verschickungsreisen nach Holland zu den Pflegeeltern und später in Hausbesetzerzeiten unter der Jugendhilfe in der linken…..in Berlin West.
    Heimkind aus dem Fond,natürlich arbeite ich an meinen Buch und Theater sowie aufarbeitung Berlin West mit den Minderheitenschutz für die West Berliner Insulanerkinder und unsere Neue Freie Volksbühne Berlin West.
    Wir sind Generationsübergreifende Heimkinder in unsere Familie und meine Kinder haben im übrigen heute auch noch solche Erfahrungen machen dürfen.

    Betroffene

    Bühnenbildnerin

    Tischlerin
    Mutter von der Baustelle.

    Jeanette Schirrmann

    „Elitärer Sonderschulabgang 1985

    Heimleitung Berlin West in Selbstverwaltung“

    Ständige Vertretung Berlin West

    „Schülerschule-Drugstore SSB e.v/SFE/Rauchhaus….
    TKS-Theaterkommuneschirrmann e.v……“

  • anja sagt:

    Danke!!! Unsere Erinnerungen können vielleicht helfen die Zukunft besser zu machen
    Grüße

  • Simona Moore sagt:

    Wir sind nicht allein! Das dachte ich im ersten Moment, als ich den Artikel über die Verschickungen gelesen hab.

    Auch ich wurde verschickt, allerdings erst 1972, da war ich 9 Jahre alt. Es war das Haus Quisisana in Sankt Peter Ording. 6 schlimme Woche, nie vergessen, haben mich geprägt, aber auch im positiven Sinne. Auf dieser Verschickung habe ich mir geschworen, ich werde selbst Erzieherin, weil ich wollte, dass Kindern so etwas erspart wird.

    Es wurde schon so einiges genannt, was in den Heimen getrieben wurde. Hier meine Erlebnisse:

    Wir mussten uns direkt nach der Ankunft komplett nackt ausziehen, in einem großen Raum mit lauter anderen nackten Neuankömmligen in eine Schlange stellen. Wir wurden dann von einem Arzt untersucht, ob wir was Ansteckendes haben. Eine Schwester kämmte allen Kindern mit einem Läusekamm die trockenen Haare durch. Ich hatte Locken. Das tat weh.

    Nachts durften wir nicht mehr auf Toilette gehen. Wer nachts musste, musste in einen Topf der unterm Bett stand pullern! Wir waren drei Mädchen im Alter von 9-11 Jahre. Da ist es einem peinlich vor anderen Leuten in den Topf zu machen.

    Briefe wurden kontrolliert, wenn was falsches drin stand, zum Beispiel, dass man abgeholt werden möchte, wurden sie vor den Kindern zerrissen und in den Müll geworfen.

    Zum Essen mussten wir uns alle am Tisch versammeln und erst einmal so lange stehen und leise sein, bis einer lachen musste oder den Stuhl scharrte. Derjenige wurde dann ohne Essen ins Bett geschickt. Ich konnte mich auch einmal nicht beherrschen und musste losprusten. Also ab ins Bett, ohne Essen.

    Ein krankes Mädchen sollte einen Grießbrei essen. Ihr war schlecht, sie hatte einen Magendarm-Virus, wie nach und nach alle Kinder. Die Tante schrie das Mädchen an sie würde die Eltern anrufen, wenn sie nicht aufessen würde und ihnen sagen wie unartig sie ist. Dann müsse sie noch länger hier bleiben! Sie wurde nicht getröstet, weil sie krank war, sie wurde angeschrien! Das muss man sich mal vorstellen!

    Ich bekam diesen Virus auch und musste mich übergeben. Da wir am anderen Ende des Flures unser Zimmer hatten, habe ich es nicht bis zur Toilette geschafft und auf dem Weg mehrere Pfützen hinterlassen. Ich war fix und fertig, eben krank! Da kam die „Tante“ mit dem Wischlappen und einem Eimer, gab ihn mir in die Hand und dann sollte ich meinen Dreck schön selbst aufwischen. Sie stand wie ein Wärter hinter mir und sagte mir wo ich noch besser wischen soll. Ich konnte gar nicht richtig sehen was ich dort tat, weil mir die Tränen die Augen vertrübten.

    Ich kann mich nur an einen Spaziergang erinnern. Aber das war nur marschieren, nicht wie man sich einen Kinderspaziergang vorstellt. Zu zweit in Reih und Glied. Soviel zu Seeluft schnuppern!

    Wir hatten eine Praktikantin in der Zeit, die hieß Frauke. Die war so lieb und hat uns so gut es ging geholfen. Sie sollte in mein Poesiealbum reinschreiben. Leider sah eine von den fiesen Tanten als sie es mir zurückgeben wollte und nahm mein Buch und schrieb ohne mein Einverständnis in das Buch und gab es mir erst kurz vor der Abfahrt wieder.

    Das war 1972. In einem liebevoll geführten Kinderheim!

    Nach der Fahrt wurden alle Kinder interviewt. Ich weiss nicht von wem die Leute waren, jedenfalls waren es die Erzieher die uns abgeholt haben und wieder nach Hause gebracht haben, mit der Bahn. Da kam so einiges raus. Ich weiss aber nicht, ob das zur Schließung oder zu Verbesserungen führte. Aber zumindest waren damals schon ein paar Leute an der Misere dran.

  • anja sagt:

    Ich habe diesen Kommentar jetzt schon mehrfach freigeschaltet, wie kann das sein? Haben Sie es mehrmals geschickt? Wie kommen Sie auf die Idee, dass es auf dieser Seite nicht erwünscht sei, Heime positiv zu beurteilen? Was kann ich für die Langlebigkeit trauriger Kindheitserinnerungen? Sicher haben manche Menschen auch positive Erlebnisse in den Heimen gemacht, so wie sie, diejenigen scheinen aber in erheblicher Minderheit zu sein, was doch sehr traurig ist. Ich habe hier keinen Kommentar zensiert!

  • anja sagt:

    Das ist unbedingt erwünscht, ich sammele diese Kommentare, gern können Sie sie mir hier auf die Seite, oder auch per mail schicken: anjairinaroehl@gmail.com, ich würde mich freuen, wenn ich Sie dazu einmal besuchen und interviewen dürfte, es dauert bloß noch, weil es enorm viele sind, die hier kommentieren und ich alles gut und datenschutzrechtlich abgesichtert ordnen möchte. Dann werde ich auch noch Interviewanfragen verschicken

  • anja sagt:

    Danke für Ihren erschütternden Bericht! alles, was Sie beschreiben, haben viele andere auch so oder ähnlich erlebt. Es gehört an die Öffentlichkeit, und es waren keine Einzelfälle, sondern eine bestimmte Tendenz in der damaligen Pädagogik, zu der heute schon wieder aufgerufen wird, das darf sich aber nie wiederholen, unsere Aufgabe ist es, diese Erinnerungen für die Zukunft zu erhalten, so dass sich ein Bewusstsein erhält: Uns ist Unrecht getan worden! Kinder darf man so nicht behandeln! Das sind so schwere psychische Belastungen, unter denen steht dann der sich noch entwickelnde Mensch, eine schwere Bürde, die nicht selten zu schweren Persönlichkeitsstörungen und lebenslangem Selbstwertverlust geführt haben. Unschuldig! Das muss gesagt werden. Diese Kinder hatten nichts, aber auch gar nichts verbrochen, sie sollten sogar eine gesundheitliche Erholung erleben! Eltern glaubten massenhaft, ihren Kindern Gutes anzutun!

  • Gabriele Mahlke-Riedel sagt:

    Hallo zusammen,

    Ich heiße Gaby und bin jetzt 59 Jahre alt.Ich komme gerade von einem bewusst unternommen Besuch der Insel Föhr , in der Hoffnung das Kinderheim wieder zu finden im das ich Mitte der 1960 Jahre 6 Wochen zum Aufpäppeln verschickt wurde. Ich war damals ca.5-6Jahre alt. Mir wurde dieses Ansinnen damals in der Mütterberatung sehr schmackhaft gemacht: viele Kinder, Strand und Meer. Ich weiß noch wie heute, wie ich am Bahnhof Altona in Hamburg von meiner Mutter alleine in den Zug gesetzt wurde, nur mit einem Zettel um den Hals, wo es mit mir hingehen sollte. Ich kam aber erstmal gar nicht auf Föhr an sondern mit einem Pulk von Kindern auf Amrum ….erinnern tu ich mich u.a. auch noch an die großen Waschräume , dass ein Mädchen unserer Gruppe dort auch regelmäßig hinschiss und es immer wieder selbst beseitigen musste, die Arme.
    Das Heim wieder zu finden war nicht schwer. Ich erkannte es sofort an seinen hohen Fenstern,dem roten Backstein und dem erdrückenden, beklemmenden Gefühl, dass mich sofort übermannte, als ich Kinder dort krakelen hörte. Ich schaffte es auch nicht, das „ehrenwerte Haus“ zu betreten. Es hätte mich erstickt. Und dass noch nach so vielen Jahren und 4 Therapien später..
    Ich habe mir dass alles also wohl nicht eingebildet-so schließe ich aus den gelesenen Schicksalsberichten eurer seits.
    Vielen Dank für`lesen
    eine Überlebende

  • Wolfgang Nickl sagt:

    Hallo zusammen,
    mein Name ist Wolfgang und ich bin mittlerweile 62 Jahre alt. Ich habe einen Bericht ueber friesische Inseln gesehen und mich an den Aufenthalt in Wyk auf Foehr erinnert. Dann habe ich ein wenig recherchiert und bin zufaellig auf diesen Artikel gestossen. Ich war wie Gabi, auch in dem gleichen Zeitraum auf Foehr in dem Heim zum ,Aufpeppeln,.
    Kann mich auch novh an diverse gute und schlechte Dinge erinnern, wobei die schlechten weit ueberwiegen.
    Schlechtes Essen(angebrannte Milchsuppe mit Schaumkloesschen zum Fruehstueck), der Toilettengang, eingesperrt werden, selbstreinigen der Waesche , und die Maersche am Strand sind mir noch in Erinnerung.
    Gutes waren die Inland Landgaenge bei denen man die Kaninchen und Hasen beobachten konnte, und die abendliche gruselgeschichte die der Gruppe vorgelesen wurde.
    ich wuerde diese Statte auch gerne nochmals aufsuchen, weis aber ueberhaupt nicht mehr wo sie sich befindet. Vielleicht kann mich Gabi ja mal anschreiben, wenn sie moechte.
    Bis dann
    Wolfgang

  • Christoph sagt:

    Ende der sechziger Jahre war ich im Herbst mit etwa neun Jahren in einem Kinderheim in der Röhn nahe der Wasserkuppe. Ich sollte kräftiger, widerstandsfähiger werden und vor allem zunehmen.
    Es gab im Vorfeld eine Kleiderliste was wir von zu Hause mitzubringen hatten z.B.. Anorak, kurze Lederhosen, kurze Turnhose, Kniestrümpfe, Pullover, Gummistiefel. Alles musste mit einem Namensschild versehen sein. Bei der Ankunft und nach der Zuteilung des Vierbettzimmers wurde von der Erzieherin alles das weggeschlossen, was sie für unpassend hielt. Warme Sachen u. lange Hosen waren unerwünscht, da wir ja gesund abgehärtet werden sollten. Es musste das getragen werden was die Erzieherin bereit legte. Die kurze Lederhose war Pflicht, wobei das einzige Zugeständnis an kühlen Tagen Kniestrümpfe waren.
    Wenn man den Anweisungen nicht folgte, setze es eine schallende Ohrfeige.
    Was wir zu essen bekamen kann ich mich nicht mehr erinnern. Morgens waren es wohl Brotscheiben mit Vierfruchtmarmelade und Milch mit Kakau.
    Täglich mussten Wanderungen und Sport in der Turnhalle gemacht werden. Beim Sport durften wir nur kurze Turnhosen tragen sonst nichts. Wir mussten mit dem Medizinball eine Art Ball über die Schnur spielen, was eine völlige Überforderung war. Wenn man den Ball fing knallte man unwillkürlich auf den Holzboden und holte sich blaue Flecken.
    Morgens hatte es gelegentlich schon Frost, für die täglichen Märsche durch den Wald und im Gelände waren wir viel zu dünn angezogen und mussten oft frieren. Da ich keine Wanderstiefel hatte musste ich die Gummistiefel tragen. Die waren nicht gefüttert und ich hatte neben kalten nackten Beinen auch noch eiskalte Zehen.
    Mein Zimmergenosse erkältete sich so, dass er wochenlang im Krankenzimmer war.
    Es kam auch ein Arzt, dem wir einzeln vorgeführt wurden und uns dabei nackt ausziehen mussten.
    Briefe wurden von der Erzieherin durchgelesen bevor sie abgeschickt werden durften – es durfte nichts negatives berichtet werden, sondern nur wie schön alles sei.
    Nachts bekamen wir Besuch von älteren Jungen, die sich gegenüber den Erziehern andienten für Ordnung zu sorgen. Sie versuchten die Jüngeren mit Schlägen einzuschüchtern und hatten ihren Spaß daran, Willkür auszuüben.
    Ich habe damals auch gegenüber meinen Eltern nie die wahren Begebenheiten berichtet, da sie glaubten ich hätte dort eine schöne Zeit gehabt.

  • anja sagt:

    …was wieder einmal zeigt, dass schmerzhafte und demütigende Erlebnisse von den Kindern oft ihren Eltern nicht erzählt werden. Eine Sache, der man psychologisch nicht genug Aufmerksamkeit widmen kann.

  • Christina Schneider sagt:

    Ich bin auf diese Seite gestoßen, weil ich im Rahmen einer Psychoanalyse gerade mein Leben verarbeite.
    Ich bin Jahrgang 1962 und wurde im Alter von ca. 5 Jahren, für 6 Wochen, zur Erholung nach Bad Salzdetfurth geschickt. Dies lief über die Post, bei der meine Mutter angestellt war. Ich habe leider kaum eine Erinnerung an diese Zeit. Ich weiß nur noch, dass ich sehr gelitten habe. Gibt es hier jemanden, der über die Zustände zwischen 1967 und 1968 berichten kann. Ich würde mich gern erinnern, um zu verarbeiten.

  • Ute Hirsch sagt:

    Hallo,
    seit Jahren versuche ich schon aus eigener Betroffenenheit hierzu zu recherchieren. Ich war für 6 Wochen in Bad Sooden-Allendorf Jan./Feb.1963 im Alter von 6 Jahren. Iniziiert wurde das von der ‚Postgewerkschaft‘. Danach war ich gebrochen an Leib und Seele. Ich kam abgemagert, mit einer doppelseitigen, verschleppten Mittelohrentzündung und traumatisiert zurück. Und meine Eltern haben das Drama verleugnet, gerade auch vor sich selbst, obwohl das Heim in den nächsten Jahren wegen Auffälligkeiten geschlossen wurde. Trotz meiner Psycho-Therapie im Erwachsenenalter, die teilweise geholfen hat, bleibt etwas, was nicht reparabel ist und Teile meines Lebens immer noch beherrscht: Panik bei bestimmten Geräuschen, morgens starr und verkrampft bis zur Bewegungslosigkeit aufwachen o.ä.
    Es ist eine Geschichte, die ich gerne erzählen würde.

  • anja sagt:

    Wärest du auch zu einem persönlichen Interview bereit? Es ist so wichtig, dass wir, die wir viel erinnern, denjenigen von uns helfen, die keine oder nur verschwommene Erinnerungen haben, deshalb die Idee dieses Blogs, eines bundesweiten Kongresses zu dem Thema, und dann mglw. die eines Buches, melde dich über meine mailadresse, liegt unter Impressum auf dieser Seite,
    Grüße, Anja

  • anja sagt:

    Bisher war kein Verschickungskind aus Bad Salzdethfurth, aber es soll zu einem bundesweiten Kongress zu diesem Thema 2019 kommen, da werden wir öffentlich aufrufen, und uns dann auch nach den Heimadressen sortieren, so dass es leicht ist, betroffene aus demselben Heim zu finden

  • Christina Schneider sagt:

    Hallo Anja, in dem Beitrag von Kerstin Schatz, am 10. Juli 2018, wird das Haus in Bad Salzdetfurth, kurz erwähnt. Ich habe im Internet ein Foto vom Waldhaus gesehen und es sofort wiedererkannt.

  • Christina Schneider sagt:

    Ich melde mich auf jeden Fall per Mail bei dir !

    Bis dahin liebe Grüße…

  • Ute Hirsch sagt:

    Hallo Anja,
    ich wäre gerne zu einem persönlichen Interview bereit! Die weitere Vorgehensweise können wir persönlich besprechen. Wenn Du mir an meine Mail-Adresse direkt schreibst, teile ich Dir auch gerne meine Telefon-Nummer mit.
    Liebe Grüße
    Ute Hirsch

  • anja sagt:

    Danke, das ist sehr gut, wir freuen uns, ich bin dran, es dauert alles etwas.Danke für den Kommentar und an alle die hier kommentieren! Es bleibt nichts ungelesen und unbeachtet!

  • anja sagt:

    Stimmt, ich bin noch dabei zu sortieren, und Statistik zu machen, danke für den Hinweis!

  • Gaby Mahlke-Riedel sagt:

    Hallo Wolfgang,

    Unser Kinderheim wird jetzt von der Rudolf Ballin-Stiftung geführt.

    Adresse:
    Hamburger Kinder Jugend Haus
    Wyk auf Föhr
    Sandwall 78

    direkt hinter der Promenade am Ende der Touristenmeile. Vom Hafen aus, vom Schiff kommend, nach links halten…

    Wenn du den Strandabschnitt siehst und das Haus hinter den Hecken , weißt du es sofort, denn auch dein inneres Kind hält wahrscheinlich vor Schreck die Luft an.

    LG Gaby

  • Kirschgarten sagt:

    Hallo, ich bin Tochter einer ehemaligen aus dem
    Sonnleiten. Meine Mama verstarb leider plötzlich doch ich möchte ihr Leben erforschen. Bitte wer in sonnleiten war oder Fotos hat (muss so 1968-75 grob gewesen sein) , ich bin sehr interessiert. Danke

  • anja sagt:

    sorry, hatte ich übersehen
    Grüße

  • anja sagt:

    Hallo lieber Andreas, niemand kümmert sich bisher um diese Verschickungsheime, es gibt keine Aufarbeitungsstelle oder Sammelstelle für diese Erfahrungen oder Nachforschungen, ich versuche hier aus den bisher über 100 Kommentatoren meiner Seite eine Liste von Betroffenen zu erstellen, sowie die Beiträge zu sammeln, daher kann ich dir noch nichts sagen über andere Betroffene. Ich möchte das Ganze aber in die Öffentlichkeit bringen, so dass wir größere Aufrufe starten können, dann ergibt sich vielleicht etwas, dass du andere kennenlernen kannst, die auch dorthin verschickt waren. In der Regel waren fast alle Erfahrungen damals ähnlich schlimm, positive Kommentare bekomme ich meist von damals Älteren und solchen, die in Gewerkschaftsheimen waren oder besonders Glück gehabt haben mit ihrem Heim, Du bekommst Post von mir, bitte habe nur etwas Geduld, es ist auch ein Buch geplant, dauert aber alles

  • Christoph Ickert sagt:

    Ich war ca. 1968 in Bayrisch Gmain im Haus Sonnleitn. Habe auch noch Fotos, die ich zur Verfügung stellen könnte.
    Bitte um Anfragen mit Mailadressen.

  • Sabine Schwemm sagt:

    Hallo Anja,
    ich bin auch betroffen, ich war als kleines Kind im Waldhaus in Bad Salzdetfurth, es war für mich ein zutiefst traumatisches Erlebnis. Ich sende Dir meine Erinnerungen per Mail. @Christina Schneider, ich würde gerne Kontakt zu Dir aufnehmen! Sabine

  • Christine Gäbel sagt:

    Hallo, irgendwie tröstlich, eure Erfahrungsberichte zu lesen. Fast so, als wäre man nicht mehr allein damit, obwohl man doch so allein war!
    Ich wurde 1968 im Alter von 4 Jahren nach Langeoog geschickt, als moralische Unterstützung meines 6jährigen Bruders, der im Gegensatz zu mir schüchtern und ängstlich war, ein “ schlechter Esser“ zudem. Ich erinnere mich, dass ich etwas stolz war, als „Kleine“ auf meinen großen Bruder aufpassen zu dürfen.
    Wenn ich an das kleine Mädchen denke, welches ich damals war, möchte ich es in den Arm nehmen, mitnehmen, es beschützen!
    Ich habe keine Erinnerung an die Hinfahrt, an andere Kinder, an die Tanten. Meine erste Erinnerung gilt einer Situation beim Essen: Graupensuppe
    Ich kannte keine Graupen, es schmeckte schrecklich, doch ich wurde gezwungen, einen zweiten Teller zu essen. Die Erinnerung an den Geschmack, an den Löffel in der Hand fehlt, ich weiß nur, dass ich mich im Speisesaal erbrach. Über die Schuhe, die Kleidung der Tante, die wohl dicht neben mir gestanden hatte, das Erbrochene klatschte auf den Boden und spritzte weit, alle schrien : Iiiih.
    Meine nächste Erinnerung gilt dem Schlafsaal, ein für mich riesiger Saal, mein Bett stand weit entfernt vom Fenster an einer Wand, der Bettbezug war weiß, ich kann mich an den steifen, harten Stoff erinnern, kann ihn beinah noch spüren.
    Ich lag in diesem Bett, tagein, tagaus. Als Strafe? War ich krank? Ich muss Fieber gehabt haben, ich hatte Träume. Die Bettdecke wurde eine weiße Felsenlandschaft, ich war winzig klein und konnte nicht vorankommen. Ich rutschte ab, fiel tief und tiefer, versank immer und das Weiß der Landschaft blendete.
    Ab und an war die Felsenlandschaft, in der ich umherirrte auch schwarz, unheimlich, ich konnte nichts sehen und hatte große Angst.
    Möglicherweise Tag und Nacht?
    Ich lag in diesem Bett, ab und zu schaute eine Frau in den Schlafsaal, weit entfernt stand sie in der Tür, mit einer weißen Schürze. Die Köchin, die nach mir sah? Ich glaube mich an die Worte erinnern zu können: Ich muss doch für die Kinder kochen, meine Kleine.
    Ich war den ganzen Tag allein, manchmal standen Kinder in sicherem Abstand vor meinem Bett und kicherten.
    Irgendwann erinnerte ich mich an meinen Bruder, fragte wohl nach ihm. Erst glaubte man mir den Bruder nicht, doch einmal stand er vor mir, sagte etwas, dann ging er wieder.
    Ich vergaß wer und wo ich war, ich war gar nicht mehr da…
    Irgendwann sagte man mir, alle würden jetzt nach Hause fahren, zur Mutti. ( Die Verschickung dauerte 6 Wochen)
    Ich erinnere mich, mich auf der Heimfahrt im Zug übergeben zu haben ( Hatte man mir zu essen gegeben, damit ich nicht so schwach war?) Die Tante hat so geschimpft, sie war außer sich, mit Papiertüchern musste ich beim Saubermachen helfen, ich erinnere mich an den Gestank, an die Schreie der Kinder, die sich angeekelt abwandten.
    Dann wurde ich auf einen Bahnsteig geschoben, ich höre noch: Nun geh schon, da ist deine Mama.
    Ich sah sie tatsächlich, ich ging auf sie zu. Ein ausgestreckter Arm, ein Zeigefinger, ihre Worte: Geh zurück, du hast dich noch nicht bei den Tanten bedankt!
    Ich kann mich erinnern, was mir durch den Kopf ging: Meine wirkliche Mutter kommt bestimmt noch!

    Soweit meine Erinnerungen…

  • Viola Lohse sagt:

    Hallo,
    endlich !!!! habe ich unter dem Stichwort „Verschickungsheim“ etwas über meine Pein im Jahre 1967 gefunden.
    Ich möchte sehr gern meine Geschichte erzählen und endlich Gehör finden.
    Ich war vom Januar bis Mitte Februar in Berchtesgaden, also für 6 Wochen in Kinderkur und erlebte dort so einiges – ich war 5. Wahrscheinlich hat sich vieles erlebtes bis heute festgebissen. Wäre schön wieder von Ihnen zu hören, lesen.

  • anja sagt:

    Ich bin grade krank, melde mich per mail, dauert aber etwas, da ich hier jetzt schon ein Projekt habe, das auf über 100 Leute angewachsen ist. Nichts wird vergessen, ich sortiere und ordne und dann melde ich mich ausführlicher

    Grüße
    Anja Röhl

  • Christina Schneider sagt:

    @ Sabine Schwemm
    Ich freue mich von Dir zu lesen und
    auf eine Nachricht von Dir an :
    schneiderc62@gmx.de

  • Andrea sagt:

    Hallo!
    ich wurde im Alter von 5 oder 6 Jahren ca. 1974 für 6 Wochen über die Barmer Ersatzkasse nach Lenggries verschickt. Meine Mutter sollte sich erholen.
    Ich kann mich an keinen Missbrauch in dem Sinne erinnern. Es gibt nur ein paar schemenhafte Erinnerungen. Eine der Heimmitarbeiterinnen erinnerte mich sehr an meine Mutter, was ich als sehr schlimm in Erinnerung habe. Ich hatte die komplette Zeit furchtbares Heimweh. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass man sich seelisch um mich kümmerte (dass mich jemand in den Arm nahm oder liebevoll zu mir war). Ich lief irgendwie immer so mit und habe die Ausflüge und sportichen Aktivitäten mitgemacht.
    Ich kann mich auch nicht erinnern, Kontakt zu meinen Eltern gehabt zu haben. Ich habe Postkarten an meine Eltern geschickt, die andere Kinder für mich geschrieben haben, da ich noch nicht schreiben konnte. Hier habe ich wohl nie von Heimweh gesprochen bzw. dass es mir schlecht ging.
    Als meine Eltern mich nach 6 Wochen am Bahnhof abgeholt haben, habe ich stundenlang geweint, weil ich so glücklich war, wieder zu Hause zu sein.
    Meine Eltern haben aber offensichtlich nach meiner Rückkehr irgendwie mitbekommen, dass die Verschickung für mich sehr schlimm war, denn mir wurde in den kommenden Jahren immer wieder damit gedroht mich erneut zu verschicken, wenn ich nicht spurte und lieb war. Ich erinnere mich noch daran, wie erleichtert ich war, als ich 13 wurde. Denn die Verschickung war nur bis 12 Jahre möglich.
    Ich kann nicht sagen, ob jetzt nur die Verschickung mich negativ geprägt hat (ich denke nicht), aber in meinem Leben ist dann einiges nicht so gut gelaufen. Ich hatte Jahrezehntelang eine schwere Essstörung und meine meist kurzen Beziehungen waren größtenteils destruktiv und geprägt von liebloser Behandlung durch meine Partner, die ich immer ertragen habe. Ich habe die Männer dafür noch abgöttisch geliebt.
    Ich bin sehr froh, Frau Röhl, dass Sie dieses Thema zur Sprache bringen!
    Andrea

  • Lukas Schmölzl sagt:

    Hallo Betroffene und interessierte,

    Das Haus Sonnleiten wurde nach Schließung, Ende der 1970er Jahre, von der Familie Schmölzl gekauft und als Mittarbeiter Unterkunft genutzt. Seit Mitte der 1990er ist das Haus Sinnleiten und die umliegenden Gebäude (Betreuerwohnungen etc.) größtenteils unbewohnt.

    Da von einem Abriss in den kommenden Jahren auszugehen ist, habe ich angefangen über die Vergangenheit zu recherchieren.

    Ich Teile gerne alle Informationen die ich zum Haus Sonnleiten habe (historische und aktuelle Fotos).

    Erreichbar bin ich unter Lukas1@schmoelzl.de

  • Anja sagt:

    Guten Tag, ich habe im Alter von vier Jahren (geb. 1969) eine Kur auf Amrum gemacht. Ich habe nur bruchstückhafte Erinnerungen. Erst vor kurzem ist mir diese Kur durch ein Gespräch mit einer Kollegin wieder eingefallen. In jedem Fall sind es merkwürdige Erinnerungen die ich nicht richtig einordnen kann. Gibt es Erfahrungsberichte aus Amrum? Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar. Mit freundlichem Gruß
    Anja

  • Axel Lange sagt:

    Hallo, mein Name ist Axel. Ich bin 1964 geboren und in Schwelm (bei Wuppertal) zusammen mit zwei Brüdern in einer Handwerkerfamilie aufgewachsen.
    Ende der sechziger Jahre sind mein älterer Bruder und ich mit 6 / 7 Jahren für fünf oder sechs Wochen zur „Kinderkur“ in ein Heim nach Muggendorf, einem kleinen Dorf bei Bamberg in der fränkischen Schweiz „geschickt“ worden.
    An viele Sachen kann ich mich nicht mehr erinnern, an einige schon. Vor allem an die lange Bahnfahrt. Ganz alleine, nur mit unseren Koffern und einer Pappkarte mit unseren Daten um den Hals. Ich glaube das wurde damals über die Krankenkasse abgewickelt. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Trennung von meinem Bruder für die gesamte Zeit. Wir wurden, wegen des Altersunterschiedes, in verschiedene Gruppen gesteckt und konnten uns während des Aufenthaltes nur selten sehen. Ganz stark ist noch die Erinnerung an das Heimweh … aber irgendwie haben wir das überstanden. Betreut wurden wir von Schwestern. Ich kann mich erinnern, dass wir sehr viel in der Gegend unterwegs waren und uns vieles angeschaut haben. Eine oder zwei Höhlen waren dabei. In negativer Erinnerung ist mir das einseitige Essen geblieben. Seit dieser Zeit habe ich eine Aversion gegen rote Beete, denn die gab es praktisch zu jedem Essen. Und die genau geregelten Schlafenszeiten, auch Mittags, sind mir noch in Erinnerung geblieben. Ebenso, dass uns von den Schwestern diktiert wurde, was wir auf die Ansichtskarten nach Hause schreiben sollten. Allerdings ist das noch einigermaßen nachvollziehbar, da ich mit sechs Jahren noch nicht wirklich schreiben konnte. Ich weis noch, dass wir viel draußen gespielt haben. „Misshandelt“ worden sind wir dort ganz sicher nicht, wenn mal einmal davon absieht, dass es für sechsjährige nicht gerade toll ist, so lange alleine von zuhause weg zu sein.
    Viele Jahre später bin ich auf einer Fahrradtour einmal an dem Haus vorbeigefahren und habe es sofort wiedererkannt. Heute ist das Haus ein Pflegeheim des bayerischen roten Kreuzes .

  • Heike Maurer sagt:

    Ich habe auch eine schlimme Erinnerungen an eine Kinderkur, in die für 6 Wochen verschickt wurde weil ich zu dünn war. Ich bin 62 geboren und das muß in einem Alter zwischen 4 und 6 Jahren gewesen sein. Das war in Stetten am kalten Markt . Da waren evang. Ordensschwestern. Es war eine alleinstehende weiße große Villa (das ist so in meiner Vorstellung). War vielleicht noch jemand dort. Niemand hat mir geglaubt was ich dort erlebt habe.
    Würde mich über eine Rückmeldung sehr freuen. Leide an Panikattacken und Depressionen.

  • Andreas Scheerbarth sagt:

    Zufällig bin ich bei der Suche nach einem Kinderheim in Byern auf dieser Seite gelandet und war sehr erstaunt, wie ähnlich es vielen anderen Menschen mit diesen unsäglichen „Verschickungen“ ergangen ist.
    Eines abends wurde ich in Hamburg in einen Zug mit vielen, vielen anderen Kindern gesetzt und musste sitzend durch die Nacht fahren.
    Meine eigenen Erinnerungen mit „Heim“ und „Tanten“ decken sich in erschreckender Weise mit den Berichten hier.
    Ich war als 8-Jähriger um Ostern 1966 herum für 6 Wochen in einem „Heim“ in Berchtesgaden, irgendwo am Fuß des Jenners. An den Namen kann ich mich nicht erinnern, aber sehr wohl an die Namen der beiden Häuser, in denen wir untergebracht waren: Haus „Sonnenschein“ und Haus „Fröhliche Wiederkehr“. Ich glaube, man konnte vom Grundstück aus auf die Talstation der Jennerbahn sehen, aber konnte die Gebäude bei Google Earth nicht verifizieren. Weiß jemand etwas über dieses Heim?
    Ich erinnere, wie so viele andere hier, absolut ungeniessbares Essen, sich erbrechende Kinder, hundsgemeine Straf- und Mobbingaktionen der „Tanten“, riesige Schlafsäle mit 12 und mehr Betten und ältere Kinder, die uns jüngere drangsalierten.
    Es gab nur eine einzige Jungentoilette und ich weiß noch, wie unerträglich es war, beim abendlichen befohlenen Toilettengang in einer langen Schlange zu warten, um dann in diesen unerträglichen Abort zu müssen…
    Schon bei der Ankunft wurde ich von einer „Tante“ vor den anderen Kindern lächerlich gemacht, weil sie beim auspacken des Koffers meinen geerbten, schon reichlich abgeliebten Steiff-Teddy fand und ihn mir unter dem Gejohle der Älteren wegnahm, weil ich doch schon viel zu alt für so etwas wäre. Oder ob ich ein Mädchen werden wollte? Ich sah ihn nie wieder.
    Auch erinnere ich mich, dass wir zweimal fotografiert wurden. Es gab dort zwei Ponys, „Peter“ und „Freya“. Jeder von uns wurde einmal draufgesetzt, musste fröhlich winken und musste dann sofort wieder absteigen. Das zweite Foto entstand auf dem Schneefeld. Einmal auf den Schlitten setzen, fröhlich winken und wieder absteigen.
    Viele Erinnerungen mehr, beispielsweise auch das kontrollierte schreiben von Briefen nach Haus, teile ich ebenfalls.
    Das „Betragens-Zeugnis“, dass wir mit nach Hause brachten, ist leider nicht erhalten, so dass ich mich freuen würde, wenn jemand mehr über diese kleine Kinderhölle in Berchtesgaden/Königsee weiß!

  • katja pauk sagt:

    hatte schon länger das gefühl,bei mir ist seelisch was im argen,auf der strecke geblieben,oder liegt im mantel eines traumas in mir verborgen und will nach hilfe schreien…habe endlich meinen vater danach befragt,zunächst wohin es damals ging und wie lange,wie alt ich war und so fort…erschreckend mit welcher gleichgültigkeit er meine bedenken aufgenommen hat bezüglich der folgen und erinnerungen diese erholungsaufenthalte betreffend,wie sie genannt wurden….also finde ich hier offensichtlich gleichgesinnte ,denen diese wochen weg von zuhause mehr als zugesetzt haben…sie haben uns verändert,unserer naiven seite beraubt,uns ins unbekannte gestossen und angst in uns gesät,auf jeden fall grosse vorsicht oder mißtrauen,den glauben an die liebe genommen,die wir als schutzlose wesen ersehnen und so dringend brauchen
    katja pauk

  • anja sagt:

    Liebe Anja
    Es gibt sehr viele Betroffene, die aus Amrum berichten, meist „Haus am Meer“, allein hier auf den weiteren Seiten gibt es über 100 Kommentare, viele davon aus Amrum, es muss dort sehr schlimm für viele Kinder gewesen sein.

  • anja sagt:

    Ich bin sehr interessiert an allen Unterlagen, Fotos, Briefen, ich schreibe Sie per mail an, das ist sehr wertvoll! Danke, dass Sie sich gemeldet haben!

  • anja sagt:

    Liebe Heike

    Ich glaube, in Stetten war bisher niemand, es gibt allerdings hier über 100 Kommentare und ich bin noch nicht ganz fertig mit der Auswertung. Wenn du magst, schreibe mir ausführlicher, ich sammele Berichte aus Verschickungsheimen, jedes kleine Fitzelchen Erinnerung ist wichtig, es heilt, wenn man sich erinnert, und es hilft, wenn man es zusammen mit anderen Betroffenen tun kann. Ich schreibe in Abständen alle an und möchte zu dem Thema Öffentlichkeit herstellen, dass sich sowas nicht wiederholen darf!
    Anja Röhl

  • anja sagt:

    Liebe Katja, Du sagst es, so ist es! Leider nehmen viele Eltern von damals es gleichgültig auf, wenn man davon erzählt, dahinter verbirgt sich uneingestandenes Schuldgefühl, das bei uns leider nur das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein, als man es nötig brauchte, verstärkt. Die wenigsten Eltern haben die Größe, ihre Kinder deshalb um Verzeihung zu bitten. Dabei ist das doch so einfach…

  • Marlo sagt:

    Hallo,

    ich war (leider) auch verschickt. Im Harz, Bad Harzburg, Haus Sonnenschein. Ein unerträgliches Martyrium, welches ich mit meinem Bruder getrennt erlebte. Ich war fünf Jahre alt und er drei Jahre älter. Wir durften uns während des Aufenthalts nicht sehen. Strafen waren an der Tagesordnung, z. B. Erbrochenes wieder aufessen. Ich kann mich an keine sichere Minute erinnern.

  • Andrea sagt:

    Ich bin aus Zufall auf diese Seite gestossen, moechte ueber mein Erlebnis berichten. Es war wohl nicht gar so schlimm wie manche andere die ich gelesen habe, aber es war schlimm genug. Ich wurde misshandelt. Es war im Sommer 1971. Ich wurde zur Kur nach Mittenwald verschickt, in das Haus am Schmalensee, so hiess es, glaube ich. Ich wurde einfach alleine in einen Zug nach Mittenwald gesetzt und wurde dann am Bahnhof abgeholt. Ich traf noch zwei weitere Kinder im Zug mit denen ich mich anfreundete und sie waren ebenfalls auf den Weg nach Mittenwald. Als wir in unserem Haus ankamen fragte mich die jugoslawische, roothaarige „Tante“ ob ich Schokolade oder Kekse in meinem Rucksack haette. Ich mochte diese Frau auf Anhieb nicht, aber ich nickte und zeigte ihr meine Schokolade und Kekse die sie prompt konfiszierte. Die anderen Kinder von meinem Schlafsaal waren schlauer und verheimlichten ihre Naschsachen. Ich denke wir waren vielleicht 8 oder 10 Kinder in einem Raum mit bunk beds. Mein Bett war gerade neben der Tuer und ueber mir war auch eine „Andrea“ mit der ich mich anfreundete. Wir mussten taeglich Sport treiben und wandern und wir wurden gezwungen unter eiskaltem Wasser zu duschen. Die Kind neben mir weinten und schrien. Ich zog mir den Keuchhusten zu und bekam keine Behandlung. Nacht fuer Nacht hustete ich so schlimm dass sich die anderen Kinder beschwerten weil sie nicht schlafen konnten, aber mir wurde medizinische Hilfe verweigert. Ich bekam Geld und Spielsachen zum Geburtstag geschickt. Das Geld unterschlug diese roothaarige Jugoslawin und meine Spielsachen verteilte sie an die anderen Kinder. Nur meine Puppe durfte ich behalten. Als ich an meine Eltern schrieb und mich beklagte und heraus kam dass ich mein Geburtstagsgeld nicht bekommen hatte, bekam ich nachts einen Besuch von der jugoslawischen Betreuerin. Sie drohte mir und ich sollte ja nichts mehr negatives ueber sie sagen. Sie zischte „Du bist dummes Kind, weisst nicht was ist Geld“ in ihrem gebrochenen Deutsch. Gottseidank waren die 6 Wochen fast vorbei und ich war so froh wieder zu Hause zu sein und bekam nun medizinische Versorgung fuer meinen Keuchhusten zu Hause. Ich ueberlegte mir ein paar Mal einfach aus dem Heim auszureissen und auf die naechste Polizeistelle zu laufen oder irgendwie nach Hause zu kommen. Ich wollte nur weg von dort. Waere es nicht fuer die Maedchen gewesen mit denen ich mich befreundete haette ich es gar nicht ausgehalten. Nun ja, diese Jugoslawin ist wohl schon lange tot und kann nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden, aber ich hoffe vielleicht hilft auch mein Beitrag jemand oder vielleicht liest es jemand der auch dort in Mittenwald war im Sommer 1971. Wir wurden immer angeschrien und das Essen war auch nicht so gut und nicht genug meistens, und wie gesagt wir mussten unter eiskaltem Wasser duschen dass so kalt war dass wir Kinder schrien und weinten vor Schmerzen und der Kaelte, aber wir wurden noch mehr angeschrien. Trotz allem haben mich diese Erlebnisse nicht gebrochen. Ich war intelligent genug um damit fertig zu werden und arbeitete auch das auf was ich in der Schule versaeumt hatte was fuer mich gar kein Problem war.

  • Gudrun Dietrich sagt:

    Ich hätte eine Frage an Christine Gäbel, die einen Kommentar am 12. September 18 hinterlassen hat. Bis dato ist es mir nicht gelungen, jemanden zu finden, der/die auch in den 60 er Jahren zur Kinderkur explizit auf Langeoog war. Meine Mutter konnte sich nur daran erinnern, dass die Verschickung über die Ev. Kirche gelaufen ist. Fragmentarische Erinnerungen an diesen Aufenthalt sind schlimm. Nur ein Beispiel: als ich im Kurheim ankam und 2 „Tanten“ meinen Koffer öffneten, die schöne Kleidung sahen, die meine diesbezüglich begabte Mutter selbst genäht hatte, war mein Schicksal besiegelt. Schikanieren und sanktionieren waren an der Tagesordung. Meine Frage an Christine ist die nach dem Namen des Heims.
    Gudrun Dietrich

  • Martin sagt:

    Servus,

    ich wa in den 80ern insgesamt viermal auf Verschickung (Posterholungsheim). Ich war auf Langeoog, in St. Peter Ording (das war echt kacke) in Niendorf und in Baiersbronn. Nur vom Quisisana in St. Peter Ording hab ich noch schlechte Erinnerungen. An den Doktorbesuch kann ich mich noch erinnern und an das schlechte Essen und dass das allgemein eine etwas sehr abgefuckte Bude war. An den Schlafsaal kann ich mich noch erinnern.

    Aber gut dass ich vieles vergessen hab.

  • Serena sagt:

    Ich war im August/September 1973 als fünfjährige nach Berchtesgaden verschickt worden. Nach den Briefen muss es in Schönau gewesen sein. Ich habe schwere Traumafolgestörungen diagnostiziert die mein Leben bis heute beeinträchtigen.
    Ich habe viele Erinnerungen, die ich hier nicht preisgeben möchte, weil das evtl andere zu sehr triggert.
    Aber ich erinnere mich an den Baukörper des Hauses, an den Metallpilz im Garten an dem man sich dranhängen und drehen konnte. Und an die Lage des Hauses in der Landschaft, also wo eine Straße war, wo es Bäume gab, wo man Berge sehen konnte, in welcher Richtung vom Haus es bergauf oder Bergab ging…Es gab eine Art „sportgeräteraum“ in einer Barracke auf dem Grundstück wo ich mich oft versteckt habe. Man durfte (aus gutem Grund) nachts nicht auf die Toilette, was mir zum Verhängnis wurde.
    Ich versuche seit vielen Jahren herauszubekommen wo genau (örtlich) ich war, schon weil es mir therapeutisch gut tun würde den Ort nochmal aufzusuchen. Wenn jemand etwas weiß welches Heim das gewesen sein könnte? Ich habe noch Fotos vom Schlafsaal und auch von Wanderungen in der Gegend. Und Briefe. Vor allem einen einer von der Pflegerin, die dort arbeitete. Ich glaube mich an sowas wie eine Schwesterntracht zu erinnern. Ich wäre dankbar, andere Betroffene zum Austausch zu finden, oder jemand der den Ort kennt und Willens wäre bei Nachforschungen zu helfen. Es war grausam.

  • anja sagt:

    Liebe Serena
    Die über 100 Berichte hier werden von mir gesammelt mit dem Ziel, sie der allgemeinen Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, und dem Verschickungsthema im Heimkinderdrama einen gebührenden Platz einzuräumen, da dieses Thema noch kaum bis gar nicht im öffentlichen Diskurs ist. Davon sind viele Hunderttausende betroffen, denn es gab weit über 1000 Kinderkurheime in Deutschland. Wenn Du Angst hast, deine Erlebnisse hier ausführlich zu schildern, dann schicke sie mir doch per mail, wenn du magst (mailadresse auf dieser Webseite unter Impressum). Ich bin der Meinung, wenn man sich zusammenschließt um eine Öffentlichkeit zu diesem Thema zu alarmieren, dann muss die Wahrheit schonungslos ans Licht. Ich halte sehr viel davon, seine Leidenserfahrungen genau zu erinnern, um dann vielleicht Ursachenanalyse zu betreiben und daraus folgend sich klar zu machen, man war nicht daran schuld! Durch das Zusammentragen vieler solcher Erfahrungen erfährt der Einzelne Trost, denn auch das bestärkt ihn in dem Gefühl: Ich war nicht dran schuld! Das hat man mir angetan, wie auch Tausenden anderer Kinder, aus Gründen, die außerhalb meiner Person lagen und ich tue mich mit den vielen zusammen, die das auch erlebt haben, um es bekannt zu machen. Damit erforscht werden kann, welche psychohistorischen Ursachen das Ganze hatte, um es in Zukunft für immer zu vermeiden. So das große Ziel. Ich bemühe mich zZ darum im Sommer 2019 einen Kongress zu diesem Thema auf die Beine zu stellen, der Ort ist noch nicht bekannt. Alle, die hier kommentieren, werden von mir angeschrieben, liebe Grüße, Anja

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