Anja Röhl

Women without men – Filmrezension

Eine junge Frau in schwarz, Munis, überlegt sich von einem Haus zu stürzen,  man sieht  ihr wehendes Haar in den Wolken (leicht kitschig). „Und ich dachte, der Weg mich vom Schmerz zu befreien ist der, mich von der Welt zu befreien“, danach werden die Wolken zu Erde (Überblendung), die einen kleinen Bachlauf umgibt, man hört Vogelgezwitscher, sieht eine djungelartige Baumlandschaft im Nebel wabern, wieder etwas kitschig, dahinter Wüstenei mit Steinen, mittendrin eine verfallene Villa mit Spinnweben, halbabgegessene Teller, fluchtartig verlassen.

Im nächsten Bild sitzt die eben Gesprungene vor dem Radio und hört sich die politischen Meldungen vom drohenden Umsturz an, während ihr Bruder, ein Traditionalist, sie verheiraten will und ihr das Radio ausstöpselt: „ Wenn Du das Haus verlässt, brech ich dir beide Beine!“. Eine Freundin im Shador kommt zu Besuch, Faezeh, die in den Bruder verliebt ist, der sich aber gerade mit einer anderen verheiraten will. Daher ist sie traurig und versteht nicht, was Munis so an den Nachrichten interessiert. Diese erklärt ihr, es ginge um die Freiheit, um den Iran, um Gerechtigkeit und dass die Britten ihnen alles das wieder nehmen wollten. Einblendungen von Demos mit Parolen, vielen Leuten auf den Straßen, Parolen: „Lang lebe Mossadagh – Nieder mit Great Briten – British go home“ Der Aufstand gegen die letzten Kolonisten 1953, darin die Frau, die nicht raus kann. Munis wieder auf dem Dach, danach liegt sie unten, markiert sie sei tot, wird lebendig begraben, von Faezeh befreit und kann so erstmalig das Haus allein verlassen, sie geht, hört Radio in einem Cafe´begibt sich unter Demonstranten und gewinnt einen Freund unter ihnen. Man sieht sie im Shador unter freien demonstrierenden Menschen stehen: „Stehend zwischen den Armen…jetzt wusste ich, dass der Wille zu mir zurückgekehrt war“.

Szenenwechsel: Eine reiche Frau von Welt, Fakhri, trifft ihren früheren Freund und ihr wird klar, sie mag ihren Mann, den strengen Militär, nicht mehr, der sie im Schlafzimmer mit Gemeinheiten traktiert. Sie geht einen breiten Weg raus aus der Stadt, kommt in den Wald, kauft die verfallene Villa in dem Park.

Eine magersüchtige und vor Leid stumpf gewordene Prostituierte im weißen Kleid erschrickt, als ein Mann, es ist der Hüter des Hauses und des Gartens, sie nicht vergewaltigt, sondern streichelt, sie läuft davon und reibt sich zwanghaft in einem Hamam die Haut ab, bis sie blutig ist, danach irrt sie lange durch Straßen, an trauernden Frauen, die sich wiegen und singen und betenden Männern vorbei, bis auch sie den Weg nach auswärts in den verwunschenen Wald mit Nebelschwaden findet.

Derweil sucht Faezeh nach Munis, entdeckt sie in einem Männercafe vor dem Radio, ruft sie vergeblich zurück, macht Männer auf sich aufmerksam, diese folgen ihr, später findet Munis sie in Tränen. „Die zwei Männer!“, weint sie, sie könne nun nie mehr zurück. Munis bringt Faezeh auch in den Wald mit den Vogelstimmen, wo sie an einem Tor der Mann empfängt, der im Bordell die Prostituierte gestreichelt hat, eine Art Torhüter des Hauses, das die reiche Frau gekauft hat, die nacheinander alle drei Frauen bei sich empfängt und liebevoll bewirtet.

Was ist der Wald? Die Geschichte des Iran?

Leider siegt die Volksbewegung für Demokratie und Eigenständigkeit nicht gegen die Kolonialmacht GB und ein blutiger Putsch ist die Antwort, die Widerständler machen aber illegal weiter, Munis ist dabei. Und während die Intelligenzia der Kulturszene, zu der sich Fkhri zählt, sich in der Villa langsam mit den Militärs anfreundet, in einer phantastischen Szenerie sehen sie den sich an ihren Tischen vollstopfenden Militärs über den Schultern beim Essen zu, wird das einfache Volk auf ihrer Art von Festen brutal zusammengeschossen. Auf einem dieser Feste findet eine illegale Zusammenkunft statt, dortbei ist Munis, sie sorgen sich, dass ihr Freund unter der Folter reden werde, da kommt er auch schon in den Raum, mit sich im Schlepptau Militärs. Es gehört zu den berührensten Momenten des Films, wie Munis Freund, um zu fliehen, einen jungen Soldaten ersticht und Munis über diesem, den sie in ihren Arm nimmt, weinend zusammenbricht.

Während des Kulturfestes in der Villa, mit den Militärs, die an ihren Tischen sich nähren, stirbt im hinteren Raum die Prostituierte Zarin im Fieber und Faezeh trifft ihren Geliebten, den Bruder von Munis, wieder, der sie nun als zweite Frau nehmen will, ernüchtert wird sie erst, als er sagt, die erste sei dann ihr Dienstmädchen. Erbost weist sie ihn mit den Worten ab, dass sie nicht das nächste Dienstmädchen der dritten Frau sein wolle.

Die reiche Kulturfrau wird von ihrem Freund enttäuscht, der eine Amerikanerin heiratet, ein Baum bricht und fällt ins Zimmer, Symbol für das sterbende Land, wie die sich nie von ihrer Scham erholende Prostituierte, Munis springt, als der Freund weg, die Gruppe zerschlagen, das Militär gesiegt hat und einzig nur ihr fundamentalistischer Bruder für die Zukunft übrig geblieben ist, doch vom Dach, die Eingangszene schließt den Film. Off-Stimme: „Der Tod ist nicht schwer, die Vorstellung davon ist schwer. Alles was wir gesucht haben, war eine eigene Form, ein neuer Weg der Freiheit“.

Was sagt uns der Film? Formal überladen, surreal, magischer Realismus? Von allem etwas, ein Film zum Nachdenken vor allem über die Kraft und das Leid von Frauen, ein Film, den man symbolisch nehmen muss, zum Beispiel das Haus im verwunschenen Wald: Zufluchtsort, aber auch eine mögliche andere Geschichte des Landes, friedlich, geborgen, hilfsbereit, gastfreundlich, liebevoll…doch die Intelligenz verbündet sich nicht mit der Gerechtigkeit, mit den Armen, sie entscheidet sich anders, sie einigt sich mit dem Militär, das Haus der Geschichte verfällt, ihre Frauen sind die obersten Opfer, sie sterben.

Auch die Zukunft sitzt schon dabei, der traditionalistische Bruder, vorerst noch in der Küche, fragt ärgerlich, bevor er Faezeh den Zweitfrauantrag stellt: „Was sind das hier alles für dekadente Leute, mit denen du hier ohne Schleier zusammen bist?“
Der neue Widerstand wird schon sichtbar, der sich aus der Zerschlagung des alten erhebt, er ist nationalistisch, fundamentalistisch und frauenfeindlich, seine Kraft ist eine Diktatorische, genau wie die Kraft des Militärs, Gewalt.

Das Weinen der Munis über dem erstochenen jungen Soldaten, den sie töten mussten, obwohl er ein Bruder war, den sie doch auch befreien wollten, ist stark. Wenn man den Film nicht symbolisch nimmt, kann sich der Eindruck formaler Überladung und des Mystifizismus aufdrängen, nimmt man ihn aber symbolisch, hat man viel und gut drüber nachzudenken.

Kommentar hinzufügen