Anja Röhl

Zwei Tage, eine Nacht – Dardenne Brüder – Filmrezension

Wie schaffen es die Belgischen Dardenne-Brüder (Rosetta, Der Sohn, Lornas Schweigen) in ihren Filmen blos, in solch vielschichtige psychologische Tiefen zu gelangen, und damit am Ende doch etwas Politisch Wichtiges auszusagen ohne auch nur im Mindesten agitatorisch zu wirken?

Zwei Tage, eine Nacht“ ist das neueste Stück in ihrem gemeinsamen Werk. Die Filme sind wie gute Literatur, sie erzählen jeweils etwas Konkretes, Minutiöses, Einzelnes, dabei haben sie eine besondere Handschrift, äußerst originell, immer episch angelegt, Geschichten, mit starken Nahaufnahmen von Gesichtern, immer aus dem Alltag. Die Protagonisten sind kleine, unscheinbare, sonst nie im Blickfeld von Medien liegende Menschen der breiten Masse. Die Handlung: Nie das Erwartete.

Es dürfe nicht wieder passieren

Eine Frau (Marion Cotillard) erfährt am Nachmittag in der Küche am Telefon von ihrer bevorstehenden Entlassung. Dabei reagiert sie seltsam, übertrieben, sie legt das Telefon sofort grußlos auf, rennt ins Badezimmer, klammert sich am Becken fest, unterdrückt weinen, sagt zu ihrem Spiegelbild, sie dürfe es nicht, es dürfe nicht wieder „passieren“, sie drückt Tabletten in die Hand, schluckt sie. Dann erst ruft sie die Freundin zurück, die sie grade angerufen hatte, fragt nach. Dabei stellt sich heraus, dass die Chefs des modernen Solarunternehmens, bei dem sie arbeitet, sich im Namen neuzeitlicher Partzipation eine Siegfried Lenz-Hölle (Zeit der Schuldlosen) ausgedacht haben: Sie lassen die Mitarbeiter über den angeblich überflüssigen Arbeitsplatz der jungen Kollegin selbst entscheiden. Für ein positives Votum zur Entlassung werden ihnen pro Person 1000.- Euro Prämie versprochen, mit zwei Gegenstimmen entscheiden sich 16 Mitarbeiter gegen die Kollegin und für die Prämie.

Noch eine Chance

Doch die Freundin sieht noch eine Chance. Sie habe gehört, dass der Vorarbeiter die anderen unter Druck gesetzt habe, das ginge nicht, sage die Gewerkschaft, daher könnten sie die Wiederholung der Abstimmung am Montag fordern. Bis dahin sollte sie versuchen eine Mehrheit für sich und gegen die Prämie zu erringen.

Von Tür zu Tür

Nun beginnt die Geschichte eines hektischen Wochenendes. Die Frau besucht ihre Kollegen, einen nach dem anderen. Sie redet mit ihnen, vorsichtig, einfühlsam, sie will überzeugen, nicht überreden. Manchmal braucht sie nur vor der Tür zu stehen. Es steht: Mensch gegen Geld. Sie sollen auf ihre Prämie verzichten. Damit sie ihr den Arbeitsplatz erhalten.  Man sieht sie laufen, klingeln, reden. Ihre Stimmungen dazwischen schwanken, Verzweiflung maskiert sich bei ihr, gerinnt im depressiven Symptom. Offenbar hat sie eben erst eine schwere Depression hinter sich. Der Mann weiß davon, wirkt behütend. Manchmal zu viel. Sie will aufgeben. Sie kämpft. Kleinste Niederlagen werfen sie zurück und plötzlich sieht man sie Tabletten zu Massen aus den Schachteln drücken, in ein Glas, runter, Wasser hinterher.

Große Angst

Später der Mann mit ihr auf einer Intensivstation. Er lakonisch, geübt in solcherlei Katastrophen. Lieb zu ihr. Keine Spur künstlich, sehr echt die Symptome der Depression eingefangen, gebändigt, aufbrechend, alle Varianten.  Nochmal schöpft sie Kraft und in derselben Nacht geht sie noch zu drei weiteren Kollegen. Einer von ihnen ist schwarz, hat nur Befristung, große Angst. Ihn überzeugt sie.

Kein Gewerkschaftsfilm, aber einer über Bewusstsein

Das Ende wirkt erhellend wie der unerwartete, offene Schluss einer Kurzgeschichte, die die ganze Geschichte erklärt. Klar wird, dass es sich hier nicht um einen Gewerkschaftsfilm über Solidarität im Arbeitskampf handelt, sondern um die Entwicklung eines Bewusstseins hin zu Reife und Größe. Im selben Moment scheint die Krankheit überwunden, der kategorische Imperativ verstanden und angewandt, ein Beispiel gesetzt für einen Mosaikstein Möglichkeit.

Sog der Proletarisierung

Alle Figuren im Film geben jeweils verschiedene Typen des neuzeitlich erweiterten Gesamtproletariats ab, nicht nur das Industrieproletariat, sagt Marx, sondern auch die Angestelltenschaft, die Intelligenz, alle werden im hochpotenten Kapitalismus in den Sog der Proletarisierung gerissen, Massenschicksal. Die Hauptperson und viele ihrer Kollegen, sie leben in eigenen Häuschen, ja, aber 100.- weniger und sie werden gepfändet. Arbeitsverlust bedeutet Absturz.

Gesichter, uneben, eigenwillig

Die Figuren sind vielschichtig aufgebaut, widersprüchlich, nachvollziehbar, nicht eine der Bettelszenen an den Türen gleicht der anderen.  Die Hauptfiguren haben Gesichter, wie man sie nur bei den Dardennes findet. Uneben, eigenwillig, wie von Zeit und Umständen gezeichnet, echt. Lange lassen einen die Bilder nicht los, lange noch beschäftigt einen die aalglatte Form der Demokratie, die hier auf dem Rücken der Beschäftigten perfide boshaft ausgetragen wird.

Die Kraft der Schwächsten

Nachhaltigkeit. Solarenergie. Chinesische Konkurenz, Entlassungen. Belegschaft darf abstimmen. Selbst den tödlichen Schlag führen die eigenen Leute. Gnadenlos. Doch Angst müssen die neuen Wirtsschaftsmachthaber haben, trotz alledem. Vor den Schwächsten und deren Kraft, die hier unspektakulär sichtbar wird. In ihr, nicht in den anderen. Das machen die Dardenne-Brüder klar. Ermutigend!

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